Freitag, 20. Juli 2007

Michel Onfray - Wir brauchen keinen Gott

(Müsste für einen Atheisten interessanter Lesestoff sein)

Warum man jetzt Atheist sein muß

Piper, 2007320 Seiten, kartoniert, Euro 8,95Best.Nr. 703 933

Jetzt als Taschenbuch: mit provozierender Deutlichkeit tritt ein französischer Philosoph für eine Orientierung an rein diesseitigen Werten ein. Onfrays mit viel emotionalem Engagement geschriebenes Buch plädiert für einen radikalen Atheismus. Radikal in dem Sinne, daß Atheismus verstanden wird als generelle Abkehr von der durch Religion herbeigeführten Selbstentfremdung des Menschen. Daraus ergeben sich weitgehende Forderungen. Der postchristliche Atheismus müsse sich nicht nur der Aufforderung widersetzen, sich in der aktuellen Konfrontation zwischen dem christlich-kapitalistischen Westen und der islamischen Welt für eine der beiden Seiten zu entscheiden, darüber hinaus müsse er den zeitgenössischen Nihilismus überwinden. Diesen sieht Onfray auch im derzeitigen Laizismus begründet, der nur eine „Umformung“ der christlichen Moral gebracht habe („was vom Himmel kommt, wird nicht abgeschafft, sondern auf die Erde abgestimmt“). Dagegen gelte es, eine „wirkliche Alternative zur vorherrschenden Philosophiegeschichte“ darzustellen: „mit den Philosophen der Lebensfreude, des Lachens und der Sinnlichkeit, den Materialisten, den Radikalen, den Kynikern, den Hedonisten und den Atheisten“.Seine Forderung untermauert der französische Philosoph mit einer vernichtenden Kritik der monotheistischen Religionen und einer eindringlichen Warnung vor der Theokratie. Natürlich ist ein derart leidenschaftlicher Diskussionsbeitrag in Details auch aus einer grundsätzlich zustimmenden Position heraus angreifbar. Die Verwendung des Adjektivs „jüdisch-christlich“ mag passen in Bezug auf die dahinterstehenden Lehren (beide sind unsinnig und menschenverachtend), angesichts ihrer völlig verschiedenen Wirkmächtigkeit im Laufe der Geschichte erscheint die begriffliche Zusammenfassung aber fragwürdig. Auch über die Verwendung des Begriffs eines islamischen Faschismus kann diskutiert werden (wobei Onfray in diesem Punkt seine Einschätzung sehr ausführlich begründet). Schließlich kann dem Philosophen vorgehalten werden, daß er keine „realpolitische“ Perspektive aufzeigt, wie seine Forderungen in gesellschaftliche Veränderungen umgesetzt werden könnten. Trotzdem: das Buch muß gelesen und debattiert werden; für die Selbstvergewisserung und Selbstkritik (Stichwort: „atheistischer Klerikalismus“) der säkularen Szene liefert es viele Ansätze. Und es macht klar, wo die Frontlinien im Kampf der Kulturen verlaufen: nicht zwischen irgendwelchen geographisch umrissenen vermeintlichen Kulturkreisen sondern zwischen miteinander unvereinbaren politischen Kulturen in ihrem Ringen um Einfluß auf die Gestaltung der Gesamtgesellschaft.Die kommentierte Literaturübersicht ist leider für Leserinnen & Leser, die des Französischen nicht mächtig sind, nur von eingeschränktem Wert. Denn sie referiert fast ausschließlich französische Titel, von denen nur ein kleiner Teil ins Deutsche übersetzt ist.Übrigens: auf dem Titelbild findet sich eine Bearbeitung der „Betenden Hände“ von Dürer, die dem Logo der „Religionsfreien Zone“ sehr, sehr ähnlich sieht. Obwohl Michel Onfrays Ansatz durchaus in diesen Rahmen passen würde, besteht keine Verbindung zwischen seinem deutschen Verlag und der „Religionsfreien Zone“. Und wer nicht an Gott glaubt, dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht daran glauben, daß der betreffende Graphiker zufälligerweise die selbe Idee hatte...