Samstag, 18. Juni 2016

Der Jesuswahn

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Wie man im Beitrag sieht, ist der Autor des Buches „Der Jesuswahn“ Theologe, also kein Kirchenfeind. Er geht den unzähligen Erfindungen nach, die es über Jesus gibt. Zum Beispiel sah sich Jesus selbst nicht als Gottes Sohn. Die Auferstehung Jesu ist eher Legende denn historische Tatsache.

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„Der Jesuswahn“

 

Der evangelische Theologe und religionskritische Autor Heinz-Werner Kubitza über Jesus und wie das Christentum und die Kirche ihren Gott erschaffen haben

Heinz-Werner Kubitza ist promovierter evangelischer Theologe, Autor eines religionskritischen Buches und Inhaber des Tectum Wissenschaftsverlags. In seinem Buch „Der Jesuswahn“ befasst er sich mit den Ergebnissen der neutestamentlichen Forschung über Jesus von Nazaret sowie den christlichen Glaubensvorstellungen.

Sein Fazit: Der christliche Glaube ist weitgehend eine Erfindung und hat mit dem historischen Jesus fast nichts gemein.

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Der überschätzte Jesus. Bild: F.R.
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Viele Kritiker des Christentums befassen sich mit den im christlichen Glauben und von Amtskirchen im Namen Jesu begangenen Taten. Heinz-Werner Kubitza jedoch stößt zu den Grundfesten des christlichen Glaubens vor. Jesus selbst sah sich wohl nicht als Gottes Sohn, das behaupteten – nach seinem Tod – nur die frühen Christen, die ihn nicht kannten. Sich am Kreuz für die Sünden der Menschen zu opfern, sei ebenfalls nicht Jesu Plan gewesen. Die Auferstehung Jesu ist eher Legende denn historische Tatsache. Und die Lehre der Dreieinigkeit (Trinität) soll erst ab dem zweiten und dritten Jahrhundert entstanden sein.

 

Der historische Jesus deckt sich in nahezu nichts mit den christlichen Glaubensvorstellungen, denn Jesus sei ein Mensch jüdischen Glaubens gewesen, der – kaum verwunderlich – nur diesen Glauben gepredigt habe. Schon gar nicht das Christentum, dessen Botschaft für Juden eine Gotteslästerung darstellte. Der von allen späteren Glaubensvorstellungen entblößte und so historische Jesus sei ein Mensch durch und durch. Aber selbst der Mensch Jesus vermag heute nicht mehr so recht zu überzeugen. Seine Hauptbotschaft von der nahen Apokalypse sei ein epischer Irrtum, sprach Jesus von Liebe, meinte er nicht Jeden, und er habe allerlei Inhumanes gepredigt.

Heinz-Werner Kubitza beruft sich auf die neutestamentliche wissenschaftliche Forschung, deren Ergebnisse er präsentiert und aus denen er ein für das Christentum vernichtendes Gesamtbild zeichnet.

 

Herr Kubitza, Sie zweifeln nicht weniger als die Fundamente des christlichen Glaubens an. Den geglaubten Vorstellungen stellen Sie das Bild eines historischen Jesus entgegen, das Ihrer Meinung nach auf wissenschaftlichen Ergebnissen fußt. Um den Einstieg in ein komplexes Thema zu wagen: Sah sich Jesus als Gottes Sohn?

Heinz-Werner Kubitza: Er sah sich nicht in der dogmatischen Weise als Sohn Gottes, wie das spätere Konzilien festgestellt haben. Nach der Lehre der Kirche ist er ja als Sohn Gottes selbst Gott. Das wäre für den frommen Juden Jesus eine unglaubliche Blasphemie gewesen. Er sah sich vielleicht als Sohn Gottes in dem Sinne, wie sich heutige Gläubige auch als „Kinder Gottes“ sehen. „Söhne Gottes“ konnten im Judentum auch die Könige Israels genannt werden oder einzelne Fromme. Jesus als Gott oder als Teil einer wie auch immer gedachten Trinität: das ist absurd.

 

Wenn sich Jesus nicht als Gottes Sohn verstand, ist es doch denkbar, dass er sich als Mensch am Kreuz für die Sünden der Menschen geopfert hat. Wie sieht das die Forschung?

Heinz-Werner Kubitza: Dass die Kirche die Lehre entwickelte, Jesus sei am Kreuz für die Sünden der Welt gestorben, resultiert aus dem peinlichen Umstand, dass er den Tod eines Verbrechers am Kreuz gestorben ist. Damit haben wohl weder er noch seine Jünger gerechnet, und man hat Zeit gebraucht, um sich dieses an sich peinliche Faktum zurechtzulegen.  

Dass Jesus der Meinung war, er könne durch seinen Tod Menschen erlösen, heißt viel späteres christliches Gedankengut in diesen Jesus zu projizieren. Jesus war kein Christ, dies darf man nie vergessen.

 

Jesus soll ein frommer Jude und kein Christ gewesen sein?

 

Heinz-Werner Kubitza: Christen gab es erst nach dem Tode Jesu. Und selbst dann verstanden seine Jünger sich natürlich weiterhin als Juden, nahmen an den Synagogengottesdiensten und am Tempelkult teil. Die Evangelisten haben Jesus später oft in Opposition zu seinen Glaubensbrüdern dargestellt. Doch die Evangelien stammen aus einer Zeit, als das frühe Christentum sich bereits vom Judentum gelöst hat. Bis dahin war es eine jüdische Sekte.

Jesus war bekennender Jude, der als Wanderprediger in Galiläa unterwegs war und einen Zwölferkreis um sich sammelte, in Anlehnung an die zwölf Stämme Israels. Er lebte als Jude, lehrte als Jude und wollte nie etwas anderes sein. Es ist eine der Absurditäten der Geschichte, dass der fromme Jude Jesus, der Jahwe als den einzigen Gott verehrt hat, durch die Christen selbst zu einem Gott erhoben wurde. Das war ein Akt von geistesgeschichtlicher Vergewaltigung. Doch ein Toter kann sich nicht mehr wehren.


Auferstehung: Eine überschießende Phantasie hat eine Schneise der Verwüstung im gesunden Menschenverstand hinterlassen


Und die Auferstehung?

 

Heinz-Werner Kubitza: Der Glaube, er sei von den Toten auferstanden, kam in der Gemeinde früh auf oder war sogar ihr Gründungsdatum. Theologen erklären dies heute gerne als Visionen einzelner Jünger (oder der Behauptung derselben), was dann von Anderen geglaubt wurde. Die Auferstehungsgeschichten in den Evangelien jedenfalls sind klare Legenden, da ist sich die Forschung weitgehend einig. Das Markusevangelium als ältestes Evangelium hatte ursprünglich gar keine Auferstehungsgeschichten, sondern endete mit dem leeren Grab. Ebenso scheint es keine in der Redenquelle Q gegeben zu haben, einer schriftlichen Vorlage, die von Matthäus und Lukas verwendet wurde.

Später haben dann eine überschießende Phantasie und ein überschäumender Auferstehungsglaube eine Schneise der Verwüstung im gesunden Menschenverstand hinterlassen. Und nebenbei: Der Auferstehungsgedanke verkleinert ja auch die Bedeutsamkeit des Kreuzes. Was soll das für ein Opfer gewesen sein, wenn der tote Gottessohn nur drei Tage tot bleibt? Viele Eltern wären froh, wären ihre Kinder mal für drei Tage aus dem Haus.

Aber in der Bibel findet sich eine Auferstehungsgeschichte von Markus.

Heinz-Werner Kubitza: Das ist richtig, doch diese Verse sind später hinzugekommen, sie finden sich in den ältesten Abschriften noch nicht. In späterer Zeit ist der sog. Markus-Schluss, so wie wir ihn heute kennen, hinzugefügt worden, zusammengestellt aus den anderen Evangelien.

Ist es nicht denkbar, dass Markus eine Auferstehungsgeschichte verfasste, sie aber verschollen ist?

Heinz-Werner Kubitza: Das wäre gut möglich, denn sicher hat auch die Gemeinde des Markus (um das Jahr 70) an die Auferstehung geglaubt. Den Historikern macht dies viel Kopfzerbrechen. Aber Fakt ist jedenfalls: In der uns erreichbaren ältesten Fassung hatte das Markusevangelium keine Auferstehungsgeschichten.

Allerdings berichten die anderen drei Evangelisten von einer Auferstehung Jesu. Markus vertritt also nur eine Minderheitenmeinung.

Heinz-Werner Kubitza: Ich würde gar nicht mal sagen, dass Markus nicht an die Auferstehung geglaubt hat. Es wäre aber schön, hätten wir aus diesem ältesten Evangelium auch eigene Erzählungen darüber, und nicht nur das, was fromme Christen später aus Verlegenheit hinzugefügt haben.

 

Kein Gott ist damals an Weihnachten Mensch geworden

 

Zu den schönsten Stellen der Bibel gehört die Weihnachtsgeschichte. Wie sieht sie die Forschung?

Heinz-Werner Kubitza: Als reine Legende, an der vermutlich bis auf die Eltern Jesu kein wahres Wort ist. Es gab keine Krippe, keine Weisen aus dem Morgenland, keine Volkszählung, keinen Kindermord von Bethlehem, keine Flucht nach Ägypten. Da sind sich praktisch alle Historiker einig. Das Markusevangelium als ältestes Evangelium hatte auch noch keine Geburts- und Kindheitslegenden, Paulus weiß noch nichts von einer Jungfrauengeburt.


Die Geschichten sind dann verständlicherweise entstanden, weil Gläubige auch schon die Geburt und Kindheit des religiösen Helden wunderbar verklärt wissen wollten. Man kennt das aus vielen Heiligenlegenden. Also: Genießen Sie die Ruhe und die Weihnachtsfeiertage. Aber kein Gott ist damals Mensch geworden.

Nach christlichen Glaubenvorstellungen ist Jesus der Messias. Der Messias-Glaube entstammt aber Judentum. Für Nicht-Theologen ist das verwirrend. Was beinhalteten die jüdischen Messias-Vorstellungen, wie passen sie zum Christentum, wie definierte sich der historische Jesus als Messias?

Heinz-Werner Kubitza: Messias heißt übersetzt einfach „Gesalbter“ und meinte ursprünglich einen König. Alle Könige Israels waren so gesehen Messiasse. Doch um die Zeitenwende erwartete man die Aufrichtung der Herrschaft Gottes, bei der in einigen Vorstellungen ein Messias eine Rolle spielte. Die nahe Gottesherrschaft verkündete auch Jesus. Dass er sich selbst aber für den Messias gehalten hat, davon gehen die meisten Neutestamentler heute nicht mehr aus.

Offenbar hat die Urgemeinde aber seine Rückkehr als Messias noch erwartet. Doch die Christen haben die Messiasvorstellung bald fallen gelassen, denn sie war an jüdische Vorstellungen gebunden, und die meisten Christen kamen bald aus nichtjüdischem Umfeld. 

Die Messiasvorstellung war da einfach zu popelig, im hellenistischen Umfeld machte man aus Jesus einen Gottessohn und später einen Gott selbst. Eine wirklich bemerkenswerte Karriere für einen Zimmermannssohn aus Galiläa. Jesus wurde damit zur am meisten überschätzten Person der Weltgeschichte.

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Schon Markus berichtet von Wundern Jesu. Nimmt man das Fehlen der Auferstehungsgeschichte bei Markus ernst, so muss man ihn auch bei den Wundern Jesu für bare Münze nehmen.

Heinz-Werner Kubitza: Vor allem als Exorzisten hat die frühe Überlieferung Jesus offenbar verstanden. Wenn das Rad der Fantasie erst einmal ins Rollen kommt, gibt es bald kein Halten mehr. Die Wunder Jesu werden immer großartiger, aber auch skurriler. Man kennt dies aus mittelalterlichen Heiligenlegenden. Fragt man zurück, was am Anfang stand, so ist besonders der Vers Gal. 1, 18 interessant. Dort berichtet Paulus, dass er um das Jahr 32-35 für fünfzehn Tage bei Petrus zu Besuch war. Und worüber werden sie sich unterhalten haben? Natürlich über Jesus, sein Leben, was er gesagt und getan hat. Doch seltsam: Paulus erwähnt später aus dem Leben Jesu praktisch nichts. Petrus scheint noch nichts von den Wundern Jesu gewusst zu haben. Sonst hätte uns Paulus sicher davon erzählt. Im Vergleich zu den Evangelien, davon gehen Theologen heute aus, verlief das Leben Jesu, von seinem Tod abgesehen, wohl eher unspektakulär.

 

Jesus soll von Dämonen besessene Menschen geheilt haben?

 

Heinz-Werner Kubitza: Heute wirkt dies natürlich absurd, denn es gibt ja keine Dämonen, auch wenn der Vatikan noch offiziell eine Exorzistenschule unterhält. Mit Dämonen aber war man in der Antike schnell bei der Hand. Es genügten psychische oder körperliche Auffälligkeiten, um Dämonen am Werk zu sehen. Bei den „Besessenen“ dürfte es sich um geistig Behinderte, psychotische oder neurotische Menschen gehandelt haben. Leider weiß man einfach zu wenig über die Geschehnisse, um eine Ferndiagnose stellen zu können.


Der Jesuswahn

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Wer will kann auf der zweiten Seite weiterlesen. Ein Auszug daraus.

Aber wie erklären Sie sich, dass diese Erkenntnisse nicht einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind?

Heinz-Werner Kubitza: Dass Jesus keine neue Religion schaffen wollte, er langsam in die Rolle eines Gottessohnes hineingebastelt wurde, dass die Trinitätslehre kaum biblische Fundamente hat, dass die Bibel keine Dokumente aus erster und zweiter Hand enthält, Maria zur Gottesmutter erst durch Konzile geworden ist; dies und vieles mehr steht nachzulesen in vielen Büchern von neutestamentlichen Theologen. Doch was gewönnen z.B. Pfarrer und Kirchen, wenn sie ihre Gemeinden auf diese Ergebnisse der Forschung aufmerksam machen würden? Dann kämen schnell Andere und würden konsequenterweise die Abschaffung oder zumindest das Ende der Privilegierung von Kirchen, Pfarrern und der Theologie an Universitäten fordern. Daran hat ja weder die Kirche, noch die Pfarrer und auch nicht die Theologieprofessoren ein Interesse. Man muss ja auch von irgendwas leben.

 

Sie haben das letzte Wort. Was würden Sie den Lesern mitgeben?

Heinz-Werner Kubitza: Bleiben Sie kritisch, vor allem Ideologien und Religionen gegenüber, die meinen, sie seien im Besitz der Wahrheit. Bleiben Sie selbstständig im Denken, lassen Sie sich nicht vor den Karren einer Kirche spannen oder in die Herde der Gläubigen einreihen. Misstrauen Sie allen, die ihnen weismachen wollen, es gebe einen Sinn für alle Menschen. Geben Sie ihrem Leben selbst einen Sinn.

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http://www.heise.de/tp/artikel/40/40219/2.html

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Gruß Hubert

 

„Wir wollten Luther selbst sprechen lassen.“

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Ich möchte die Autoren des Buches von Martin Luther „Von den Juden und ihren Lügen“, das sie in eine heute besser verständliche Sprache übersetzt haben, zu Wort kommen lassen. Nicht zuletzt kritisieren sie auch den EKD, der Luthers „Schattenseite“ lange totgeschwiegen und die Probleme mit Luther marginalisiert hat.

 

 

BERLIN. (hpd) Vor wenigen Tagen erschien im Alibri-Verlag das Buch „Von den Juden und ihren Lügen“ in einer neuen Übersetzung mit Begriffserläuterungen. Der hpd sprach mit drei der vier Herausgeber des Buches über ihrer Bewegründe zum und Reaktionen auf das Buch.

hpd: Was hat Sie dazu gebracht, sich mit diesem eher marginalen Thema zu befassen und weshalb gerade dieses Buch von Luther? Der Alibri-Verlag weist in seiner Ankündigung darauf hin, dass Luther „ein wirkmächtiger Judenhasser“ war. „Unter seinen judenfeindlichen Hetzschriften sticht sein Buch ‚Von den Juden und ihren Lügen‘ von 1543 in makabrer Weise hervor.“ Kann man sagen, dass dieses Buch typisch für Luther ist?

 

Bernd Kammermeier (BK): Marginal wäre das Thema, wenn Luther einer der vielen vergessenen Theologen wäre. Doch die EKD stellt ihn als Weltstar vor, lässt ihn zehn Jahre lang feiern und wir Steuerzahler werden dafür kräftig zur Kasse gebeten. Da wollten wir doch mal genauer hinschauen, was Luther denn so alles geschrieben hat. Spätestens in seiner zweiten Lebenshälfte hat er einen unglaublichen Judenhass entwickelt – wobei er wohl nie ein Judenfreund war.

 
„Von den Juden und ihren Lügen“ ist insofern typisch für Luther. Deshalb irritierte mich ja die „Lutherdekade“ so sehr, weil wir in Deutschland in Bezug auf Antisemiten besonders sensibel sein sollten. Das scheint aber die geldgebende Politik bei Luther auszublenden – oder nicht zu wissen.

Reinhold Schlotz (RS): Die Evangelische Kirche eröffnete 2008 die Lutherdekade, die am 31. Oktober 2017 mit der Erinnerung an Luthers 95 Thesen ihren Höhepunkt erreicht. Diese Dekade ist auf die Person Martin Luthers ausgerichtet, sonst hätte man sie auch Reformationsdekade nennen können. Luthers Konterfei auf dem dazugehörigen Logo verstärkt diesen Personenkult noch erheblich. Wenn man nun weiß, dass der gefeierte Reformator einer der wirkmächtigsten Judenhasser war, auf den sich auch die Nationalsozialisten berufen hatten, so ist das alles andere als ein marginales Thema.

 

Es wird geradezu zum Lackmustest unserer freiheitlichen, an den Menschenrechten orientierten, demokratischen Gesellschaft. Können wir es uns im Land des Holocaust leisten, einem geistigen Brandstifter wie Martin Luther, der einen vorbereitenden Beitrag zur Vernichtung der europäschen Juden geliefert hat, zehn Jahre lang zu gedenken und ihn zu feiern?
Es ist die vierte Jahrhundertfeier für Luther, aber die erste nach Auschwitz. Angemessener wäre ein Gedenkjahr an die Opfer eines christlich fundierten Judenhasses, der über die Kreuzzüge und die spanische Inquisition im Holocaust einen furchtbaren Höhepunkt fand. Luther war auch in jüngeren Jahren nie ein Freund der Juden, wie manche Theologen behaupten. In seinen letzten 20 Jahren verfasste er mehrere Hetzschriften gegen die Juden. Für diesen Lebensabschnitt ist das Buch „Von den Juden und ihren Lügen“ durchaus typisch. Karl-Heinz Büchner (KHB): Dieses Thema ist alles ander als marginal.


Der Autor dieses Buches war der wirkmächtigste deutsche Antisemit, der nicht NSDAP-Mitglied war und er hat mit seinen judenfeindlichen Schriften die Schikanierung, Vertreibung und Ermordung ungezählter Juden bewirkt, auch wenn er selbst keinen Menschen eigenhändig umgebracht hat, aber das haben Hitler, Goebbels und Eichmann auch nicht.
Außerdem war sein Buch noch vor 70 Jahren in breiten Bevölkerungsschichten durchaus wohlbekannt und wurde von der Evangelischen Kirche propagiert und von den Katholiken geduldet.

Luther war Zeit seines Lebens ein Fanatiker. Er hat gegen die Juden genauso gehetzt wie gegen die Bauern, die Zigeuner, den Papst, Behinderte, geistig Zurückgebliebene und Muslime, die er Türken nannte. Er war ein maßloser Mensch, nicht nur beim Essen und Trinken.

Was „Von den Juden und ihren Lügen“ so besonders macht, ist die Anleitung zur Vernichtung einer Menschengruppe, die knapp 400 Jahre Punkt für Punkt kopiert und umgesetzt wurde. Dass Luther die Gaskammern nicht vorgeschlagen hat, hat nichts damit zu tun, dass ihm der Tod Andersdenkender etwa zuwider gewesen wäre, Im Gegenteil hat er das Abschlachten solcher Menschen zum Teil gefordert (Bauern) bzw. billigend in Kauf genommen, ohne je dagegen zu protestieren.

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Bernd Kammermeier, Reinhold Schlotz - Foto: © Evelin Frerk
Bernd P. Kammermeier, Reinhold Schlotz; Foto: © Evelin Frerk

Unbestritten ist, dass der Lutherische Antisemitismus sich in der nationalsozialistischen Ideologie wiederfand. Doch hat diese Schrift Luthers heute noch Auswirkungen auf die evangelische Kirche? Finden sich noch Teile dieser menschenverachtenden Ideologie in den heutigen Veröffentlichungen der Landeskirchen oder bei den evangelikalen Freikirchen?

BK: Das nicht. Aber Luthers „Schattenseite“ wurde lange totgeschwiegen und von Seiten der EKD marginalisiert. Er dient als bekanntes Zugpferd für eine staatsfinanzierte Missionskampagne. Man hofft auf einen „Luther-Tourismus“ nächstes Jahr und da sprach Bischof Wolfgang Huber 2008 auch gerne mal verharmlosend von „beschämenden Aussagen“ Luthers.

 

Natürlich unterstellt niemand der EKD, dass dort heute noch antisemitisches Denken verbreitet sei. Aber darum geht es auch nicht. Denn was nach wie vor bestritten wird, ist, dass Luther die Blaupause für die Judenverfolgung im Dritten Reich geliefert habe. Doch das hat er zweifelsfrei. Einige der Landeskirchen haben hier eher aufklärerisch gewirkt, doch auch die sehen keine direkte Verbindung zwischen Luther und Hitler – und feiern mit.

 

KHB: Nein, meiner Meinung nach nicht, schließlich stünde das in Deutschland heutzutage unter Strafe. Aber sie müsste die Auswirkung haben, dass sich die EKD von ihrem Religionsgründer schärfstens distanziert und seine Geisteshaltung als inakzeptabel und unentschuldbar brandmarkt.
Seine „Bibelübersetzung“ in allen Ehren, wenn man denn die Übertragung eines Märchenbuches aus dem Lateinischen ins Deutsche für eine große Leistung hält, ebenso wie seine unbestreitbaren Verdienste um die Gestaltung und Prägung der deutschen Sprache, die sich eben aus der großen Verbreitung seiner Bibelversion ableiten lässt.

Das alles gibt einem das Recht, seine Leistung, aber keinesfalls den Menschen Martin Luther zu würdigen.

 

R.S.: Nein. Die evangelischen Kirchen sind sich nach 1945 inzwischen wieder der sogenannten „dunklen Seite“ ihres Kirchenvaters bewusst, nachdem diese 70 Jahre lang unter den Teppich gekehrt wurde. Während die EKD versucht, dieses inzwischen unvermeidliche Thema so zu handhaben, dass es sich nicht zu einem öffentlichen Diskurs ausweitet, gibt es in einigen Landeskirchen evangelisch-jüdische Gesprächsgruppen, die offen und schonungslos mit diesem Thema umgehen.
Als Beispiele seien hier der „Evangelische Arbeitskreis für das Christlich-Jüdische Gespräch in Hessen und Nassau“, sowie das „Referat für Christlich-Jüdischen Dialog der Nordkirche“ genannt. Beide Gruppen haben je eine Ausstellung unter dem Titel „Drum immer weg mit ihnen“ bzw. „Ertragen können wir sie nicht“ auf die Beine gestellt, die Luthers Judenhass eindrucksvoll darstellen.

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„Wir wollten Luther selbst sprechen lassen.“

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Gruß Hubert

Montag, 13. Juni 2016

Martin Luther – Von den Juden und ihren Lügen


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Auf die Idee für diesen Beitrag hat mich das politische Magazin „miz“ (Materialien und Informationen zur Zeit) gebracht, wo das Buch von Martin Luther „Von den Juden und ihren Lügen“ vorgestellt wird.
Mit Martin Luther hat die Evangelische Kirche ein erhebliches Problem: der Reformator war ein wirkmächtiger Judenhasser. Unter seinen judenfeindlichen Hetzschriften sticht sein Buch Von den Juden und ihren Lügen von 1543 in makabrer Weise hervor. Luther war den Juden zuerst freundlich gesinnt, weil er hoffte, dass sie in Scharen zur neuen lutherischen Kirche übertreten würden. Als das nicht zutraf, wandelte sich das zum Hass auf Juden um.
Vorausschicken möchte ich auch, damit keine Missverständnisse entstehen, dass ich keiner Religion nahe stehe. Meine Meinung ist, dass die Welt ohne Religionen besser da stünde. Eine Welt ohne Religionen wäre bereits ein großer Schritt in Richtung irdisches Paradies. 

 

Aus hpd.de – Auszug.
 Seit sich die niederländische Kirche nach intensiven Beratungen mit jüdischen Organisationen in Hinblick auf das Lutherjahr 2017 von Martin Luthers Antisemitismus distanziert hat, scheint eine ernsthafte Diskussion über den Umgang mit dem Reformator auch in Deutschland in Gang zu kommen. Umstritten ist dabei seine Rolle als Wegbereiter des Antisemitismus, der im Holocaust seinen hoffentlich letzten Höhepunkt gefunden hat.

Um die Frage zu untersuchen, inwiefern man Luther in den kommenden anderthalb Jahren bis zum Höhepunkt des Reformationsjubiläums überhaupt als Hauptperson feiern sollte, versuche ich das Thema zu strukturieren, weil in der Diskussion mehr oder weniger bewusst zwei Begriffe durcheinandergeworfen werden: Antisemitismus und Antijudaismus. Auf den ersten Blick scheidet der Begriff Antisemitismus für Luther aus, da dieser 1860 von dem Bibliographen Moritz Steinschneider erstmals verwendet wurde. Dabei wird er mit Judenfeindlichkeit gleichgesetzt, die faktisch auch dem zeitlich älteren Antijudaismus attestiert wird. Wikipedia schreibt dazu: „Schon der mittelalterliche und frühneuzeitliche Antijudaismus diskriminierte und verfolgte Juden als fremdartiges Volk, ließ ihnen aber mit der Konversion zum Christentum stets die Integration in die herrschende Kultur offen.“
Der Unterschied ist also zunächst, dass Antijudaismus Voraussetzung für Christen zu sein scheint, Juden missionieren zu wollen. Erst nach erfolgreicher Konversion sei dieser Christ zufrieden.

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Antisemitismus hingegen ist rassistisch motiviert und lehnt ein Merkmal eines Juden ab, dass dieser nicht durch Konversion abschütteln kann: seine Abstammung von Semiten. Dabei sollte man fragen, ob die Ablehnung eines Menschen wegen seiner Religion oder seiner Herkunft wirklich unterschiedlich verwerflich ist. Schließlich ist bereits das Ansinnen des Missionierenden im höchsten Maße intolerant, weil er seinem Gegenüber vorhält, dessen Religionszugehörigkeit sei minderwertig oder falsch. Doch ist es nicht reiner Zufall, in welche Familie oder Kultur ein Kind geboren wird? Religion an sich – vor allem die monotheistische – enthält den Keim der Intoleranz, der eine wechselseitige Akzeptanz erschwert. Der Antijudaismus ist also zunächst nicht harmloser als der Antisemitismus, weil er sein Gegenüber nicht so anerkennt, wie dieses durch seine Geburt wurde.

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  Für mich ist also zunächst unerheblich, ob ein Mensch antisemitisch oder antijüdisch eingestellt ist. Anders verhielte es sich z.B. mit einer politischen Einstellung. Diese wird oft erst im jungen Erwachsenenalter als Überzeugung angenommen, so dass es durchaus Auseinandersetzungen zwischen politischen Kontrahenten geben darf, die um den besseren politischen Weg streiten. Bei der Missionierung geht es um andere Motive, da hier die Konkurrenten einander sehr ähnlich sind und gleichzeitig die Unterschiede als ewig gültig, nicht hinterfragbar und deshalb unüberbrückbar ansehen. Somit ist für mich die Religionszugehörigkeit mit dem Merkmal der Herkunft vergleichbar.

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Neben vielen weiteren antijüdischen Bibelstellen kann hier sogar ein „Jesuswort“ zitiert werden: „Warum versteht ihr meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.“ (Joh 8, 43). Die Urchristen haben also – weil selbst zum Teil als Juden geboren – eine extreme Abnabelung von der Mutterreligion vorgenommen: die Verdammung der eigenen Väter als Teufelskinder, Propheten- und Christusmörder.
Das erklärt den Grund, warum Luther zeitlebens nie ein Judenfreund war (auch wenn dies vonseiten der evangelischen Kirche gerne behauptet wird), sondern warum er sie anfangs – z.B. in seinem Buch „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) – noch zu missionieren versuchte. Doch auch dort folgt auf sein freundlich klingendes „Deshalb mein Rat und meine Bitte, dass man pfleglich mit ihnen (den Juden, Anm.) umgehe und sie aus der Hl. Schrift unterrichte, dann werden auch etliche zu uns kommen“ ein unmissverständliches „… bis ich sehe, was ich bewirkt habe.“


Nachdem dies scheiterte (auch, weil Luther in seinem Leben kaum ein Dutzend Juden getroffen haben dürfte), gab er mindestens in seinem letzten Lebensdrittel die Judenmission auf und verdammte sie als „halsstarrige notorische Lügner“. Hier kommt oft eine Verteidigungsstrategie zum Tragen, mit der stets religiöse Verfehlungen relativiert werden sollen: der historische Kontext! Zu Luthers Zeit war das halt so. Doch andere seiner Zeitgenossen, wie der Nürnberger Theologe Andreas Osiander und der Pforzheimer Jurist und Hebraist Johannes Reuchlin, nahmen eine deutlich tolerantere Haltung zum Judentum ein – wobei sie als gute Christen nicht dessen Falschheit infrage stellten. Jedoch verteidigten sie das Existenzrecht der Juden und auch das Praktizieren ihrer Religion.

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Von den Juden und ihren Lügen

 

Luther selbst schrieb eine Reihe judenfeindlicher Texte, deren bedeutsamster 1543 erschien: „Von den Juden und ihren Lügen“.

Dieses Buch wurde letztmalig 1936 – also mitten in der Nazi-Zeit – veröffentlicht und diente als reiche Quelle für nationalsozialistischen Judenhass. In diesem Buch begründete Luther mit den Mitteln der Theologie, warum die Juden ein gottloses Volk und letztlich nichts als Teufelskinder seien (siehe das „Jesuswort“ weiter oben), die von „Gott“ verdammt worden wären – wegen ihrer Halsstarrigkeit und ihrem notorischen Lügen.

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Daher rät Luther seiner Obrigkeit und seinen Pfarrerkollegen die Umsetzung seines „Sieben-Punkte-Programms“, dessen Ziel die Ausrottung des Judentums mindestens in Deutschland war.
Dieses Programm erinnerte derart fatal an die systematische Judenverfolgung und versuchte „Endlösung der Judenfrage“ im Dritten Reich, dass hier klar wird, warum u.a. Hitler Luther einen „Riesen“ (1923) nannte und warum der evangelisch-lutherische Landesbischof aus Tübingen, Martin Sasse, 1938 schrieb:
Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. … In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, … der größte Antisemit seiner Zeit … , der Warner seines Volkes wider die Juden.
Dies stand im Vorwort eines Buches von Sasse, in dem er Teile aus „Von den Juden und ihren Lügen“ veröffentlichte.

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Der Philosoph Karl Jaspers bemerkte hierzu später: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“

 

  Während des Nürnberger Prozesses gegen die NS-Kriegsverbrecher im Jahr 1946 verteidigte sich der Herausgeber des Nazi-Hetzblattes „Der Stürmer“ mit deutlichem Bezug auf Luthers Wirken:
Antisemitische Presseerzeugnisse gab es in Deutschland durch Jahrhunderte. Es wurde bei mir z.B. ein Buch beschlagnahmt von Dr. Martin Luther. Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch von der Anklagevertretung in Betracht gezogen würde.
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http://hpd.de/artikel/warum-martin-luther-antisemit-12990

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Die Protestantische Kirche der Niederlande hat sich von antisemitischen Schriften Martin Luthers distanziert. – In einer in Utrecht veröffentlichten Erklärung heißt es, einige Äußerungen des Kirchenreformators über Juden seien widerwärtig und unzulässig. Luther hatte unter anderem dazu aufgerufen, Synagogen in Brand zu stecken, Juden zu enteignen und sie zu vertreiben. Die Kirche erklärte, Luthers Schriften hätten zu einem Klima beigetragen, das später den Holocaust ermöglicht habe. Jüdische Organisationen hatten die Protestanten im vergangenen Jahr zu einer Distanzierung aufgefordert. […]

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Wie positioniert sich die EKD (evangelische Kirche in Deutschland) zur „Causa Luther“?

 

1939 wurde noch von 13 evangelischen Landeskirchen in Eisenach das „Entjudungsinstitut“ ins Leben gerufen. Dieses Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben erfuhr seine Einweihung an einem denkwürdigen Ort: auf Luthers Wartburg. […]
Die Neupositionierung der EKD zum Judentum begann sehr spät. Luthers judenfeindliche Schriften waren natürlich nicht unbekannt, wurden aber nicht herausgegeben oder nach außen hin sichtbar als Last des Protestantismus aufgearbeitet. 1982 veröffentlichte der Lutherische Weltbund zur Vorbereitung des Lutherjahres 1983 eine umfangreiche Arbeit. Im ersten Abschnitt steht:
Als Lutheraner haben wir ein besonderes Problem: Im kommenden Jahr begehen wir den 500. Geburtstag Martin Luthers. Er machte in seinen letzten Lebensjahren gewisse bissige Äußerungen über die Juden, die von den lutherischen Kirchen heute durchweg abgelehnt werden. Wir bedauern die Art und Weise, in der Luthers Aussagen dazu gebraucht worden sind, den Antisemitismus zu fördern.
„Gewisse bissige Äußerungen über die Juden“? Diese werden zwar abgelehnt, aber bedauert wird letztlich nur der Gebrauch dieser Äußerungen, um „den Antisemitismus zu fördern“.
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[…]
Hier zur Illustration einige wenige der „gewissen bissigen Äußerungen“, der „beschämenden Aussagen“ aus der Alibri-Ausgabe (Aschaffenburg, 2016):
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„Sie sind nun mal das boshafte, halsstarrige Volk … die großspurigen, hochmütigen Schurken, die nichts anderes können, als mit ihrer Abstammung und mit ihrem Blut zu prahlen … sie sind die wahren Lügner und Bluthunde“ (S. 49)
    „Kein blutrünstigeres und rachsüchtigeres Volk hat die Sonne je beschienen, als diejenigen, die überzeugt sind, Gottes Volk zu sein …“ (S. 49 f.)
    „Ihr seid es doch nicht wert, dass ihr die Bibel von außen ansehen, geschweige denn drin lesen dürft. Ihr solltet nur die Bibel lesen, die unter dem Schwanz der Sau steht und ihr sollt die Buchstaben, die darunter herausfallen, fressen und saufen.“ (S. 149)
    „Lasst uns also diese edlen und beschissenen (beschnittenen wollte ich sagen) heiligen und weisen Propheten anhören, die uns Christen zu Juden machen wollen.“ (S. 149 f.)
    „Darum, wenn du einen richtigen Juden siehst, kannst du mit gutem Gewissen ein Kreuz schlagen und frei und sicher sprechen: Da geht ein leibhaftiger Teufel.“ (S. 151)
    „Und dieser trübe Bodensatz, dieser stinkende Abschaum, dieser eingetrocknete Bodensatz, dieser verschimmelte Sauerteig und sumpfige Morast von Judentum sollten mit ihrer Reue und Gerechtigkeit das ganze Weltreich, also die Erfüllung des Messias und der Prophezeiungen verdient haben, obwohl sie doch keine der oben aufgezählten Bedingungen erfüllen und nichts sind als ein fauler, stinkender, verrotteter Bodensatz vom Blut ihrer Väter?“
(S. 201)
Zum folgenden „Sieben-Punkte-Programm“ Luthers sagte der Philosoph Karl Japsers: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern“.

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Auszug aus dem „Sieben-Punkte-Programm“ Luthers:


„Erstens, dass man ihre Synagogen oder Schulen anzünde und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und überschütte, sodass kein Mensch für alle Zeiten weder Stein noch Schlacke davon sehe.“ (S. 247)
    „Zweitens sollte man auch ihre Häuser abbrechen und zerstören, denn sie treiben darin genau das gleiche, wie in ihren Synagogen. Stattdessen mag man sie etwa unter ein Dach oder in einen Stall tun, wie die Zigeuner.“ (S. 249)
    „Zum dritten, möge man ihnen alle ihre Gebetbüchlein und Talmude nehmen, in denen solcher Götzendienst, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird.“ (S. 249)
    „Zum vierten, soll man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbieten, weiterhin zu lehren.“ (S. 249)
    „Zum fünften, soll man den Juden das freie Geleit auf den Straßen ganz und gar verwehren und verbieten. Denn sie haben nichts im Land zu suchen. Sie sollen daheimbleiben.“ (S. 251)
    „Zum sechsten soll man ihnen das Wuchern verbieten, das ihnen schon durch Mose verboten wurde. Da sie nicht in ihrem eigenen Land sind, können sie nicht Herren über ein fremdes Land sein. Und man nehme ihnen alle Barschaft und Wertsachen wie Silber und Gold und lege es zur Verwahrung beiseite.“ (S. 251)
    „Siebtens soll man den jungen und starken Juden und Jüdinnen Flegel, Axt, Hacke, Spaten, Spinnrocken und Spindel in die Hand geben und sie ihr Brot verdienen lassen im Schweiß ihres Angesichts, wie es Adams Kindern auferlegt ist. (S. 245) 

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Das alles klingt nicht sehr theologisch (was auf Antijudaismus verweisen würde), sondern eindeutig rassistisch (was auf Antisemitismus verweist).
Da dies sicher Insidern der EKD bekannt ist, begann es seit Hubers Rede in der EKD zu brodeln. Mehr und mehr Beiträge erschienen in der Öffentlichkeit, die Luthers Person fragwürdig sahen. So verlagerte man den Schwerpunkt der Luther-Jubeljahre nach und nach auf das Reformationsjubiläum – obwohl das Jahrzehnt nach wie vor „Lutherdekade“ und das Jahr 2017 nach wie vor „Luther-Jahr“ heißt. Überall prangt das Konterfei des Reformators von Plakaten, Broschüren und Sondermarken. Er hat halt einen Namen, den man gut vermarkten kann. Einen Namen allerdings, der untrennbar mit äußerst hässlichen Schriften verbunden ist, die erst nach und nach in der Öffentlichkeit bekannt werden. So fällt ein schlechtes Licht auf die bevorstehenden Jubelfeiern, die mit insgesamt ca. 150 Mio. Euro recht gut dotiert sind, davon über 100 Mio. Euro aus dem allgemeinen Steueraufkommen (Bund und Land Sachsen).
http://hpd.de/artikel/warum-martin-luther-antisemit-12990/seite/0/1

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Gruß Hubert

 

Samstag, 4. Juni 2016

Christliche Demütigung der Frauen – „Aussegnung nach Gebären“

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Heute hörte ich in einem lokalem Rundfunksender eine Frau über das Thema „christliche Aussegnung nach der Geburt eines Kindes“ reden. Das brachte mich auf die Idee der Sache genauer nachzugehen. Einiges wusste ich schon. Ich kann das nur als unerhörte Anmaßung der christlichen Kirchen bezeichnen wie demütigend man da mit Frauen umging. Das ging alles bis Ende der 1960-er Jahre. Vor allem in Dörfern getrauten sich die Pfarrer ja viel länger dieses freche Praxis der „Aussegnung“ durchzuführen. Ich weiß das auch noch von meiner Schwiegermutter. Ich kann dazu nur sagen, das war ein unglaublich freches Pack, ein Gesindel, der Frauen so erniedrigte. Man sieht, dass da sich das Patriarchat noch viel leisten konnte. In Großstädten natürlich, musste dieses freche Pack den Schwanz früher einziehen. In Erinnerung rufen muss man sich auch, dass die Pfarrer in Häuser gingen, wenn sich nicht genügend „Kindersegen“ einstellte und diesen anmahnten. Im Widerspruch dazu war dann die Geburt eines Kindes für die Frau Sünde (natürlich nur für sie allein, bei dieser Frauenfeindlichkeit). In diesem Zusammenhang von „Sünde“ zu sprechen ist schon pervers und krankhaft. Man erkennt daran aber das Patriarchat von vielen Religionen und die Herrschsucht der Kleriker. Zum Glück sind heute aber die Kirchen halb leer. Zu bedenken gilt auch, dass das erst 40 bis 50 Jahre her ist.


Auszug aus dem Spiegel.

So wurden der Frau beispielsweise kultische Funktionen vor allem wegen ihrer „monatlichen Unreinheit“ verboten. Sie wurde deswegen sogar von der Teilnahme am Abendmahl ausgeschlossen. Nach der Geburt eines Kindes mußte sie in einem besonderen liturgischen Akt der „Aussegnung“ wieder für kultisch rein erklärt werden – ein Brauch, der bis in die sechziger Jahre üblich war.

Auszug.

Im christlichen Glauben und im Volksglauben galt die Wöchnerin während der 40 Tage oder 6 Wochen bis zur Aussegnung (benedictio post partum) als unrein, unheilstiftend und als von der Christengemeinde abgeschieden. Während dieser Zeit hatte sie der Kirche fernzubleiben, war sie besonders anfällig gegenüber dem Teufel und seinen Dämonen. Ehelicher Umgang war ihr nach der Geburt eines Jungen für 40 Tage, nach der eines Mädchens für 80 Tage untersagt.

http://u01151612502.user.hosting-agency.de/malexwiki/index.php/W%C3%B6chnerin

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Der „Muttersegen“ wurde von Frauen natürlich als Demütigung erlebt: einerseits, weil sie mit dem Widerspruch leben mussten, vom gleichen Pfarrer, der das nächste Kind anmahnte, nach der Geburt mit der „Aussegnung“ an die mit der Zeugung offenbar unlösbar verbundene Sünde erinnert zu werden, anderseits, weil sie sich unter dem Gesichtspunkt der scheinbar notwendigen Reinigung fragen mussten, ob denn die Ehemänner an der „Sünde“ nicht beteiligt waren.

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AUF DIE KNIE

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Auf Knien mussten die Frauen mancherorts zur Aussegnung in den Altarraum rutschen, andere durften die Sakristei gar nicht betreten. Ein Film von Astrid Kofler und Günther Neumair wirft einen kritischen Blick auf das frauenfeindliche Ritual des Aussegnens.

Worum handelt es sich bei dem christlichen Ritus der Aussegnung?

 

Astrid Kofler: Die „Benedictio mulieris post partum“, die Segnung der Frau nach der Geburt, ist seit dem 11. Jahrhundert belegt. Das Aussegnen sollte, wie mir unter anderem der Professor für Pastoraltheologie Luis Gurndin erklärte, ein alter Muttersegen sein, ein Willkommensgruß für die junge Mutter, eine Erholungszeit von der Niederkunft. Sie war der Pflicht entbunden, in die Kirche zu gehen, sollte daheim so etwas wie Ruhe haben. Das Aussegnen aber wurde komplett missverstanden und falsch gedeutet. Im Volksmund auch „Firisegnen“ oder „Vorsegnen“ genannt, wurde zu einer Reinigung von Sünde, von einer Sünde, die die Frauen in Erfüllung des geforderten Beischlafs in der Ehe auf sich geladen hatten, die selten genug aus Liebe geschlossen worden und ohnehin Tragödie war.

 

Der Ritus vereint zwei widersprüchliche Anforderungen: die Pflicht, in der Ehe Kinder zu haben, und das Keuschheitsgebot.

Astrid Kofler: Das war das Problem. Eine der Interviewpartnerinnen erzählte mir, wie sehr sie sich jeweils vor der im Haus wohnenden Schwiegermutter schämte, wenn sie schon wieder schwanger war. Sie schämte sich, weil die Schwiegermutter schlussfolgern würde, dass sie (schon wieder) unrein geworden war; sie hatte sich der Fleischeslust hingegeben.  

Eine andere Frau erzählt, wie sie der Pfarrer nach diesem demütigen Ritual der Aussegnung stets mit der Aufforderung nach Hause schickte, bereit zu sein für die Aufnahme des nächsten Kindes. Familienseelsorger Toni Fiung berichtet von einer alten Frau, die seinerzeit gar keine Kinder mehr haben wollte, weil der Akt der Aussegnung so verletzend gewesen war. Hochwürden Anton Mittelberger, der als Kooperator noch aussegnen musste und es als Pfarrer nicht mehr tat, verweist darauf, dass eine Ehe ja eigentlich erst mit der Hingabe vollzogen ist. Das war ein großes Dilemma: da der Zwang zum Vollzug der Ehe, der Zwang zur Hingabe, die das Sakrament der Ehe vorgab, dort der Zwang zu einem ehelichen Verkehr, der ausschließlich zur Zeugung eines Kindes diente, und da wiederum das automatische Sich-mit-Schuld-Verunreinigen, sobald die Frau das vom Pfarrer jährlich eingeforderte Kind empfing.

 

Welche Rolle spielte das Wöchnerinnen-Blut?

 

Astrid Kofler: Weibliches Blut war der Inbegriff von Unreinheit. Auch wegen der allmonatlichen Verunreinigung wurden die Frauen aus dem Kultbereich und dem Altar verdrängt. Bei Leviticus 15,19 ff. ist nachzulesen, dass eine menstruierende Frau nach Gottes Bestimmung sieben Tage unrein ist. Alles, was sie berührt, ist unrein. Und jeder, der sie berührt, wird unrein. Das sind alte jüdische Reinheitsgesetze die – so erklärt es Toni Fiung im Film – unreflektiert und von anderen ähnlichen Riten losgelöst ins Christentum übernommen wurden und eine ganz andere Bedeutung bekamen. Nach dem jüdischen Gesetz haben Maria und Josef ihr Kind ja auch genau sechs Wochen nach Weihnachten in den Tempel gebracht. Daraus wurde ein wichtiges Marienfest, das lange mit einer Lichterprozession gefeiert wurde, und hierzulande als Maria Lichtmess und als Tag, an dem die Bauern wieder die Arbeit aufnahmen und die Dienstboten ihre Herren wechselten, von großer Bedeutung war.

 

Was hat die Frauen am Aussegnungsritual besonders gestört?

 

Astrid Kofler: Es war von Pfarrer zu Pfarrer verschieden. Manche Wöchnerinnen mussten vor der Kirchentür warten und sich langsam mit dem Pfarrer und einer um die Hände gewickelten Stola auf den Knien zum Altar hin bewegen, andere wurden in der Sakristei ausgesegnet, manche genau sechs Wochen nach der Geburt, andere schon früher. Problematisch war, dass die Gebete, die der Pfarrer dabei sprach, in Lateinisch waren und die Frauen gar nicht verstanden, worum es ging. Schwierig war für viele auch die Tatsache, dass sie die Kirche – bis sie ausgesegnet waren – nicht betreten durften. Was lag frommen Frauen näher, als nach der Geburt eines gesunden Kindes in die Kirche zu gehen und sich zu bedanken? Aber nein, das war nicht erlaubt. Wirklich schlimm war natürlich, dass die Geburt mit etwas Unreinem in Verbindung gebracht wurde, mit Sünde: Dabei hatten sie doch nur die Pflicht getan, einem weiteren Kind das Leben geschenkt.

 

Wöchnerinnen, die ohne diese Aussegnung im Kindbett starben, wurden mancherorts außerhalb des Friedhofs begraben.

(Anmerkung: das passierte früher auch mit „Selbstmördern“ oder mit Kindern, die vor dem Erhalt der Tauf starben. Sie wurden außerhalb der Friedhofsmauern begraben. Welch eine Härte und Unmenschlichkeit. Gottes Wille?)

 

Welche Rolle spielte der Mann?

 

Astrid Kofler: Das war ein weiterer Punkt, der viele Frauen verwunderte. Fast alle Frauen, die diesen Brauch des Aussegnens noch über sich ergehen lassen mussten, stellten sich die Frage, „Warum müssen wir herkommen, den Segen holen und warum die Männer nicht?“ Eine der Interviewpartnerinnen hat 14 Kindern das Leben geschenkt. Jedes Mal haben ihr die Knie geschlottert, als sie zum Aussegnen ging, so demütigend war es. Sie hatte unbeschreibliche Angst, aber „es war eine religiöse Pflicht und wir sind so erzogen worden, da hatte ja nicht nur ich so viele Kinder, da waren viele in der Nachbarschaft mit elf und zwölf Kindern, und der Pfarrer predigte von der Kanzel, was wir uns denken, wenn wir vor den Richterstuhl Gottes kommen. Und wir haben uns angeschaut und wussten nicht, was wir denken sollten. Und auch mit meinem Mann konnte ich darüber nicht reden.“

 

Wann fanden die letzten Aussegnungen in Südtirol statt?

 

Astrid Kofler: Das wäre eine spannende Recherche für eine Historikerin. In Ridnaun zum Beispiel war es bis Anfang der 70er-Jahre Usus: Das hing mit dem Pfarrer zusammen. Wenn einer in Pension ging und ihm ein jüngerer nachfolgte, hörte es früher auf. In der ländlichen Gegend verschwand der Brauch früher als in abgelegenen Bergdörfern. In Truden hielt sich der Brauch auch sehr lange.

Eine Frau erzählt, dass es damals einer Wöchnerin – nach der Niederkunft bis zur Aussegnung – nicht einmal erlaubt war, überhaupt ins Dorf zu gehen. Nicht einmal einkaufen gehen durfte die Frau, als wäre sie die wandelnde Sünde höchstpersönlich. Dass der Brauch gegen Ende der 60er-Jahre zunehmend verdrängt wurde, hat mit der Emanzipation der Frauen zu tun, aber auch mit dem Rückgang an Hausgeburten und der Zunahme an Geburten im Krankenhaus. Die Frauen begannen – zu Recht – Fragen zu stellen.

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Ein demütigendes Ritual

 

Bis in die 60er-Jahre hinein hat sich in Südtirol der Brauch der Aussegnung nach der Geburt gehalten. Er war eigentlich als Muttersegen gedacht, wurde aber über Jahrhunderte hin falsch verstanden und interpretiert. Die meisten Frauen empfanden es als demütigend, nach der Entbindung erst wieder die Kirche betreten und die heilige Messe besuchen zu dürfen, nachdem der Pfarrer sie ausgesegnet hatte: Das Aussegnen wurde den Frauen vielerorts als Reinigung von Sünde vermittelt. Dabei hatten sie doch eben erst einem Kind das Leben geschenkt.

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Eine Reinheitsvorschrift

 

Die „Benedictio mulieris post partum“ hat ihren ideologischen Ursprung in den Reinheitsvorschriften des Alten Testaments. Aber bereits Gregor der Große († 604) hat die alttestamentliche Deutung des Muttersegens abgelehnt. In Lehrbüchern für Pastoraltheologie wie in der Unterrichts- und Erbauungsliteratur vergangener Zeiten findet sich ganz klar die Deutung als Willkommenssegen für die Mutter nach ihrer Abwesenheit vom Gemeindeleben wegen ihrer Verpflichtungen dem Säugling gegenüber. Luis Gurndin

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Rolle des Vaters

 

Der Muttersegen wurde in der Volksfrömmigkeit weithin als Reinigung von Sünde verstanden und von vielen Frauen als Demütigung erlitten: einerseits, weil sie mit dem Widerspruch leben mussten, vom gleichen Pfarrer, der das nächste Kind anmahnte, nach der Geburt mit der „Aussegnung“ an die mit der Zeugung offenbar unlösbar verbundene Sünde erinnert zu werden, anderseits, weil sie sich unter dem Gesichtspunkt der scheinbar notwendigen Reinigung fragen mussten, ob denn die Ehemänner an der „Sünde“ nicht beteiligt waren.

Luis Gurndin

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Auszug aus dem Spiegel zur Stellung der Frau zur Zeit des Jesus.

Frauen den Männern gleichzustellen war zur Zeit Jesu zutiefst anstößig und barg eine ungeheure gesellschaftliche Sprengkraft in sich. Gemäß dem zweiten Schöpfungsbericht der Genesis galt die Frau in weiten Kreisen des Spätjudentums als Symbol des Bösen, was seinen Niederschlag in allen Lebensbereichen fand.

Sie war Eigentum des Mannes: zunächst des Vaters, dann des Gatten, dann des Schwagers – und in keinem Fall war sie rechtsfähig. Im Gottesdienst war ihr nicht nur jegliche Funktion verwehrt, sondern sie war geradezu überflüssig: Für das Zustandekommen eines gültigen Gottesdienstes war nur die Anwesenheit von Männern nötig. Die Frau hatte die Rolle der Hinterbänklerin.

[…]

Bezeichnenderweise setzte sich in den Gemeinden das Wort „Die Frauen sollen in der Gemeinde schweigen . . . Sie sollen sich unterordnen“ (1. Korintherbrief 14,34) mehr und mehr durch, obgleich diese Anweisung dem Paulus fälschlicherweise unterschoben wurde.

Es war das Verhängnis der ersten christlichen Jahrhunderte, daß sich alle frauenfeindlichen Traditionen des Judentums, der griechischen Philosophie und der orientalischen Gnosis im frühen Christentum zu der Vorstellung von der gottgewollten Minderwertigkeit der Frau bündelten.

Hinzu kam, daß sich in der frühen Kirche nach dem Erlöschen der Naherwartung des Weltendes eine Tendenz zur Institutionalisierung und Sakralisierung durchsetzte, welche die Frau wieder auf ihre untergeordnete Rolle festlegte.

So wurden der Frau beispielsweise kultische Funktionen vor allem wegen ihrer „monatlichen Unreinheit“ verboten. Sie wurde deswegen sogar von der Teilnahme am Abendmahl ausgeschlossen. Nach der Geburt eines Kindes mußte sie in einem besonderen liturgischen Akt der „Aussegnung“ wieder für kultisch rein erklärt werden – ein Brauch, der bis in die sechziger Jahre üblich war.

Das Diakonissen-Amt, das letzte kirchliche Amt für Frauen, wurde endgültig im 6. Jahrhundert abgeschafft. Und an diesem Punkt steht die katholische Kirche 1400 Jahre später noch immer.

Angesichts des Beispiels Jesu und des Urchristentums ist der Starrsinn der Leitung der katholischen Kirche hinsichtlich einer umfassenden Gleichstellung der Frau ein Skandal.

DER SPIEGEL 52/1992
Titelbild

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http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9290661.html

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Durch die Zeremonie der Aussegnung – quasi einer Wiedertaufe – reinigte der Priester die Frau von der sündenbehafteten Geburt und nahm sie wieder in die Gemeinschaft der Christen auf. Der Ritus wurde nach der Geburt eines Knaben einen Monat, bei der eines Mädchens zwei Monate später vollzogen.
Dem Schutz der Wöchnerin galten vielerlei Mittel und (z.B. Amulette, Salben, Kräuter), Privilegien (z.B. die Erlaubnis, je nach Wunsch Obst oder Trauben zu schneiden), Bräuche (Kindbettschenke, Kindbettsuppe etc.) und Rechtsmittel (so war der Mann vom Gefolgschaftsdienst befreit oder musste nur so weit Heerfolge leisten, dass er zur Nacht wieder daheim sein konnte).
Im Kindbett, also im Zustand der Unreinheit gestorbene Wöchnerinnen galten als potentielle Wiedergängerinnen und wurden – Bußbüchern des 10./11. Jh. zufolge – im Grabe gepfählt, vom Pfarrer wie ein Dämon gebannt oder durch gewisse Gaben und durch besonders aufmerksame Pflege ihres Kindes zufrieden gestellt und so vom Wiedergang abgebracht. Trotz der Annahme, dass eine Wöchnerin bis zur Aussegnung unrein sei, bestand mancherorts der Glaube, dass der Himmel für sie drei under neun Tage offen stünde; in diese Frist dürften die meisten Todesfälle durch Kindbettfieber gefallen sein und die Frauen gelangten wegen ihrer Verdienste um das werdende Leben direkt ins Himmelreich.

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http://u01151612502.user.hosting-agency.de/malexwiki/index.php/W%C3%B6chnerin

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Gruß Hubert