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Auf die Idee für diesen Beitrag hat mich das politische Magazin
„miz“ (Materialien und Informationen zur Zeit) gebracht, wo das Buch von
Martin Luther „Von den Juden und ihren Lügen“ vorgestellt wird.
Mit Martin Luther hat die Evangelische Kirche ein erhebliches Problem:
der Reformator war ein wirkmächtiger Judenhasser. Unter seinen
judenfeindlichen Hetzschriften sticht sein Buch Von den Juden und ihren
Lügen von 1543 in makabrer Weise hervor. Luther war den Juden zuerst
freundlich gesinnt, weil er hoffte, dass sie in Scharen zur neuen
lutherischen Kirche übertreten würden. Als das nicht zutraf, wandelte
sich das zum Hass auf Juden um.
Vorausschicken möchte ich auch, damit keine Missverständnisse entstehen,
dass ich keiner Religion nahe stehe. Meine Meinung ist, dass die Welt
ohne Religionen besser da stünde. Eine Welt ohne Religionen wäre bereits
ein großer Schritt in Richtung irdisches Paradies.
Aus hpd.de – Auszug.
Seit sich die niederländische
Kirche nach intensiven Beratungen mit jüdischen Organisationen in
Hinblick auf das Lutherjahr 2017 von Martin Luthers Antisemitismus
distanziert hat, scheint eine ernsthafte Diskussion über den Umgang mit
dem Reformator auch in Deutschland in Gang zu kommen. Umstritten ist
dabei seine Rolle als Wegbereiter des Antisemitismus, der im Holocaust
seinen hoffentlich letzten Höhepunkt gefunden hat.
Um die Frage zu untersuchen, inwiefern man Luther in den kommenden
anderthalb Jahren bis zum Höhepunkt des Reformationsjubiläums überhaupt
als Hauptperson feiern sollte, versuche ich das Thema zu strukturieren,
weil in der Diskussion mehr oder weniger bewusst zwei Begriffe
durcheinandergeworfen werden: Antisemitismus und Antijudaismus. Auf den
ersten Blick scheidet der Begriff Antisemitismus für Luther aus, da
dieser 1860 von dem Bibliographen Moritz Steinschneider erstmals
verwendet wurde. Dabei wird er mit Judenfeindlichkeit gleichgesetzt, die
faktisch auch dem zeitlich älteren Antijudaismus attestiert wird.
Wikipedia schreibt dazu: „Schon der mittelalterliche und
frühneuzeitliche Antijudaismus diskriminierte und verfolgte Juden als
fremdartiges Volk, ließ ihnen aber mit der Konversion zum Christentum
stets die Integration in die herrschende Kultur offen.“
Der Unterschied ist also zunächst, dass Antijudaismus Voraussetzung
für Christen zu sein scheint, Juden missionieren zu wollen. Erst nach
erfolgreicher Konversion sei dieser Christ zufrieden.
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Antisemitismus hingegen ist rassistisch motiviert und lehnt ein Merkmal eines Juden ab, dass dieser nicht durch Konversion abschütteln kann: seine Abstammung von Semiten. Dabei sollte man fragen, ob die Ablehnung eines Menschen wegen seiner Religion oder seiner Herkunft wirklich unterschiedlich verwerflich ist. Schließlich ist bereits das Ansinnen des Missionierenden im höchsten Maße intolerant, weil er seinem Gegenüber vorhält, dessen Religionszugehörigkeit sei minderwertig oder falsch. Doch ist es nicht reiner Zufall, in welche Familie oder Kultur ein Kind geboren wird? Religion an sich – vor allem die monotheistische – enthält den Keim der Intoleranz, der eine wechselseitige Akzeptanz erschwert. Der Antijudaismus ist also zunächst nicht harmloser als der Antisemitismus, weil er sein Gegenüber nicht so anerkennt, wie dieses durch seine Geburt wurde.
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Für mich ist also zunächst unerheblich, ob ein Mensch antisemitisch oder antijüdisch eingestellt ist. Anders verhielte es sich z.B. mit einer politischen Einstellung. Diese wird oft erst im jungen Erwachsenenalter als Überzeugung angenommen, so dass es durchaus Auseinandersetzungen zwischen politischen Kontrahenten geben darf, die um den besseren politischen Weg streiten. Bei der Missionierung geht es um andere Motive, da hier die Konkurrenten einander sehr ähnlich sind und gleichzeitig die Unterschiede als ewig gültig, nicht hinterfragbar und deshalb unüberbrückbar ansehen. Somit ist für mich die Religionszugehörigkeit mit dem Merkmal der Herkunft vergleichbar.
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Neben vielen weiteren antijüdischen Bibelstellen kann hier sogar ein „Jesuswort“ zitiert werden: „Warum
versteht ihr meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt.
Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters
wollt ihr tun.“ (Joh 8, 43). Die Urchristen haben also – weil selbst zum
Teil als Juden geboren – eine extreme Abnabelung von der Mutterreligion
vorgenommen: die Verdammung der eigenen Väter als Teufelskinder,
Propheten- und Christusmörder.
Das erklärt den Grund, warum Luther zeitlebens nie ein Judenfreund
war (auch wenn dies vonseiten der evangelischen Kirche gerne behauptet
wird), sondern warum er sie anfangs – z.B. in seinem Buch „Dass Jesus
Christus ein geborener Jude sei“ (1523) – noch zu missionieren
versuchte. Doch auch dort folgt auf sein freundlich klingendes „Deshalb
mein Rat und meine Bitte, dass man pfleglich mit ihnen (den Juden, Anm.)
umgehe und sie aus der Hl. Schrift unterrichte, dann werden auch
etliche zu uns kommen“ ein unmissverständliches „… bis ich sehe, was ich
bewirkt habe.“
Nachdem dies scheiterte (auch,
weil Luther in seinem Leben kaum ein Dutzend Juden getroffen haben
dürfte), gab er mindestens in seinem letzten Lebensdrittel die
Judenmission auf und verdammte sie als „halsstarrige notorische Lügner“. Hier
kommt oft eine Verteidigungsstrategie zum Tragen, mit der stets
religiöse Verfehlungen relativiert werden sollen: der historische
Kontext! Zu Luthers Zeit war das halt so. Doch andere seiner
Zeitgenossen, wie der Nürnberger Theologe Andreas Osiander und der
Pforzheimer Jurist und Hebraist Johannes Reuchlin, nahmen eine deutlich
tolerantere Haltung zum Judentum ein – wobei sie als gute Christen nicht
dessen Falschheit infrage stellten. Jedoch verteidigten sie das
Existenzrecht der Juden und auch das Praktizieren ihrer Religion.
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Von den Juden und ihren Lügen
Luther selbst schrieb eine Reihe judenfeindlicher Texte, deren bedeutsamster 1543 erschien: „Von den Juden und ihren Lügen“.
Dieses Buch wurde letztmalig 1936 – also mitten in der Nazi-Zeit – veröffentlicht und diente als reiche Quelle für nationalsozialistischen Judenhass. In diesem Buch begründete Luther mit den Mitteln der Theologie, warum die Juden ein gottloses Volk und letztlich nichts als Teufelskinder seien (siehe das „Jesuswort“ weiter oben), die von „Gott“ verdammt worden wären – wegen ihrer Halsstarrigkeit und ihrem notorischen Lügen.
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Daher rät Luther seiner Obrigkeit und
seinen Pfarrerkollegen die Umsetzung seines „Sieben-Punkte-Programms“,
dessen Ziel die Ausrottung des Judentums mindestens in Deutschland war.
Dieses Programm erinnerte derart fatal an
die systematische Judenverfolgung und versuchte „Endlösung der
Judenfrage“ im Dritten Reich, dass hier klar wird, warum u.a. Hitler
Luther einen „Riesen“ (1923) nannte und warum der
evangelisch-lutherische Landesbischof aus Tübingen, Martin Sasse, 1938
schrieb:
Am 10. November 1938, an Luthers
Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. … In dieser Stunde
muss die Stimme des Mannes gehört werden, … der größte Antisemit seiner
Zeit … , der Warner seines Volkes wider die Juden.
Dies stand im Vorwort eines Buches von Sasse, in dem er Teile aus „Von den Juden und ihren Lügen“ veröffentlichte.
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Der Philosoph Karl Jaspers bemerkte hierzu später: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“
Während des Nürnberger Prozesses gegen die NS-Kriegsverbrecher im
Jahr 1946 verteidigte sich der Herausgeber des Nazi-Hetzblattes „Der
Stürmer“ mit deutlichem Bezug auf Luthers Wirken:
Antisemitische Presseerzeugnisse gab es in Deutschland durch
Jahrhunderte. Es wurde bei mir z.B. ein Buch beschlagnahmt von Dr.
Martin Luther. Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf
der Anklagebank, wenn dieses Buch von der Anklagevertretung in Betracht
gezogen würde.
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http://hpd.de/artikel/warum-martin-luther-antisemit-12990
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[…]
Die Protestantische Kirche der
Niederlande hat sich von antisemitischen Schriften Martin Luthers
distanziert. – In einer in Utrecht veröffentlichten Erklärung heißt es,
einige Äußerungen des Kirchenreformators über Juden seien widerwärtig
und unzulässig. Luther hatte unter anderem dazu aufgerufen, Synagogen in
Brand zu stecken, Juden zu enteignen und sie zu vertreiben. Die Kirche
erklärte, Luthers Schriften hätten zu einem Klima beigetragen, das
später den Holocaust ermöglicht habe. Jüdische Organisationen hatten die
Protestanten im vergangenen Jahr zu einer Distanzierung aufgefordert.
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Wie positioniert sich die EKD (evangelische Kirche in Deutschland) zur „Causa Luther“?
1939 wurde noch von 13 evangelischen Landeskirchen in Eisenach das
„Entjudungsinstitut“ ins Leben gerufen. Dieses Institut zur Erforschung
und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche
Leben erfuhr seine Einweihung an einem denkwürdigen Ort: auf Luthers
Wartburg.
[…]
Die Neupositionierung der EKD zum Judentum begann sehr spät.
Luthers judenfeindliche Schriften waren natürlich nicht unbekannt,
wurden aber nicht herausgegeben oder nach außen hin sichtbar als Last
des Protestantismus aufgearbeitet. 1982 veröffentlichte der
Lutherische Weltbund zur Vorbereitung des Lutherjahres 1983 eine
umfangreiche Arbeit. Im ersten Abschnitt steht:
Als Lutheraner haben wir ein besonderes Problem: Im kommenden Jahr
begehen wir den 500. Geburtstag Martin Luthers. Er machte in seinen
letzten Lebensjahren gewisse bissige Äußerungen über die Juden, die von
den lutherischen Kirchen heute durchweg abgelehnt werden. Wir bedauern
die Art und Weise, in der Luthers Aussagen dazu gebraucht worden sind,
den Antisemitismus zu fördern.
„Gewisse bissige Äußerungen über die Juden“? Diese werden zwar
abgelehnt, aber bedauert wird letztlich nur der Gebrauch dieser
Äußerungen, um „den Antisemitismus zu fördern“.
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[…]
Hier zur Illustration einige wenige der „gewissen bissigen Äußerungen“, der „beschämenden Aussagen“ aus der Alibri-Ausgabe (Aschaffenburg, 2016):
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„Sie sind nun mal das boshafte,
halsstarrige Volk … die großspurigen, hochmütigen Schurken, die nichts
anderes können, als mit ihrer Abstammung und mit ihrem Blut zu prahlen …
sie sind die wahren Lügner und Bluthunde“ (S. 49)
„Kein blutrünstigeres und
rachsüchtigeres Volk hat die Sonne je beschienen, als diejenigen, die
überzeugt sind, Gottes Volk zu sein …“ (S. 49 f.)
„Ihr seid es doch nicht wert, dass ihr
die Bibel von außen ansehen, geschweige denn drin lesen dürft. Ihr
solltet nur die Bibel lesen, die unter dem Schwanz der Sau steht und ihr
sollt die Buchstaben, die darunter herausfallen, fressen und saufen.“
(S. 149)
„Lasst uns also diese edlen und
beschissenen (beschnittenen wollte ich sagen) heiligen und weisen
Propheten anhören, die uns Christen zu Juden machen wollen.“ (S. 149 f.)
„Darum, wenn du einen richtigen Juden
siehst, kannst du mit gutem Gewissen ein Kreuz schlagen und frei und
sicher sprechen: Da geht ein leibhaftiger Teufel.“ (S. 151)
„Und dieser trübe Bodensatz, dieser
stinkende Abschaum, dieser eingetrocknete Bodensatz, dieser
verschimmelte Sauerteig und sumpfige Morast von Judentum sollten mit
ihrer Reue und Gerechtigkeit das ganze Weltreich, also die Erfüllung des
Messias und der Prophezeiungen verdient haben, obwohl sie doch keine
der oben aufgezählten Bedingungen erfüllen und nichts sind als ein
fauler, stinkender, verrotteter Bodensatz vom Blut ihrer Väter?“ (S. 201)
Zum folgenden „Sieben-Punkte-Programm“ Luthers sagte der Philosoph
Karl Japsers: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der
direkten Tötung durch Gaskammern“.
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Auszug aus dem „Sieben-Punkte-Programm“ Luthers:
„Erstens, dass man ihre Synagogen oder
Schulen anzünde und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und
überschütte, sodass kein Mensch für alle Zeiten weder Stein noch
Schlacke davon sehe.“ (S. 247)
„Zweitens sollte man auch ihre Häuser
abbrechen und zerstören, denn sie treiben darin genau das gleiche, wie
in ihren Synagogen. Stattdessen mag man sie etwa unter ein Dach oder in
einen Stall tun, wie die Zigeuner.“ (S. 249)
„Zum dritten, möge man ihnen alle ihre
Gebetbüchlein und Talmude nehmen, in denen solcher Götzendienst, Lügen,
Fluch und Lästerung gelehrt wird.“ (S. 249)
„Zum vierten, soll man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbieten, weiterhin zu lehren.“ (S. 249)
„Zum fünften, soll man den Juden das
freie Geleit auf den Straßen ganz und gar verwehren und verbieten. Denn
sie haben nichts im Land zu suchen. Sie sollen daheimbleiben.“ (S. 251)
„Zum sechsten soll man ihnen das
Wuchern verbieten, das ihnen schon durch Mose verboten wurde. Da sie
nicht in ihrem eigenen Land sind, können sie nicht Herren über ein
fremdes Land sein. Und man nehme ihnen alle Barschaft und Wertsachen wie
Silber und Gold und lege es zur Verwahrung beiseite.“ (S. 251)
„Siebtens soll man den jungen und
starken Juden und Jüdinnen Flegel, Axt, Hacke, Spaten, Spinnrocken und
Spindel in die Hand geben und sie ihr Brot verdienen lassen im Schweiß
ihres Angesichts, wie es Adams Kindern auferlegt ist.“ (S. 245)
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Das alles klingt nicht sehr theologisch (was auf Antijudaismus
verweisen würde), sondern eindeutig rassistisch (was auf Antisemitismus
verweist).
Da dies sicher Insidern der EKD bekannt ist, begann es seit
Hubers Rede in der EKD zu brodeln. Mehr und mehr Beiträge erschienen in
der Öffentlichkeit, die Luthers Person fragwürdig sahen. So verlagerte
man den Schwerpunkt der Luther-Jubeljahre nach und nach auf das
Reformationsjubiläum – obwohl das Jahrzehnt nach wie vor „Lutherdekade“
und das Jahr 2017 nach wie vor „Luther-Jahr“ heißt. Überall
prangt das Konterfei des Reformators von Plakaten, Broschüren und
Sondermarken. Er hat halt einen Namen, den man gut vermarkten kann.
Einen Namen allerdings, der untrennbar mit äußerst hässlichen Schriften
verbunden ist, die erst nach und nach in der Öffentlichkeit bekannt
werden. So fällt ein schlechtes
Licht auf die bevorstehenden Jubelfeiern, die mit insgesamt ca. 150 Mio.
Euro recht gut dotiert sind, davon über 100 Mio. Euro aus dem
allgemeinen Steueraufkommen (Bund und Land Sachsen).
http://hpd.de/artikel/warum-martin-luther-antisemit-12990/seite/0/1
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