Sonntag, 21. Oktober 2007

KIRCHE und TIERSCHUTZ

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Ansprache von Herrn Prof. Dr. theol. Erich Grässer, Ordinarius für Neues Testament an der Universität Bonn.

 Meine Damen und Herren, liebe Tierschützer

Dr. Andreas Grasmüller, der Vorsitzende des Deutschen Tierschutzbundes, hat einmal gesagt: "Tierschutz ist kein Anlass zur Freude, sondern eine Aufforderung, sich zu schämen, dass wir ihn überhaupt brauchen."

 
Diese Scham wird von den christlichen Kirchen nicht geteilt. Diese unsere christliche Gesellschaft in diesem unserem christlichen Abendland lebt in einer beispiellosen Ehrfurchtslosigkeit vor der Schöpfung. Vom Robbenschlachten im hohen Norden bis zum Vogelmord im Süden, von der Vernichtung der Regenwälder im Westen bis zur Ausrottung der Wale in den fernöstlichen Meeren, auf der ganzen Linie liefert der Mensch den Beweis, dass es nie eine heuchlerischere Anmassung gab als die, sich selbst "Krone der Schöpfung" zu nennen. In Wahrheit ist der Mensch ihr gefährlichster Ausbeuter und ihr grösster Zerstörer. Und der Würde des Menschen, diesem hohen Verfassungsgut, dessen Unantastbarkeit unsere Politiker so gerne betonen, schlägt die gigantische industrialisierte Massentierquälerei brutal ins Gesicht. Es ist kein Zeichen von Menschenwürde, schwächere Lebewesen auszubeuten und zu quälen. Tiere sind schwach. Wenn wir ihre Schwäche ausnutzen, wenn wir mit ihrem unnötigen Leiden und mit ihrem unnötigen Sterben unseren Wohlstand und unseren Luxus mehren, wenn wir für jeden beliebigen Nutzen jedes beliebige Tieropfer fordern, dann haben wir unsere Menschenwürde verspielt und verdienen es nicht, eine sittliche Rechtsgemeinschaft genannt zu werden. 

Und die Kirchen? Was ist mit Kirche und Tierschutz? Ich muss an dieser Stelle deutlich werden: Wenn einst die Geschichte unserer Kirche geschrieben wird, dann wird das Thema "Kirche und Tierschutz" im 20. Jahrhundert darin ein ebenso schwarzes Kapitel darstellen wie einst das Thema "Kirche und Hexenverbrennung" im Mittelalter. Und so, wie die Kirchen im 19. Jahrhundert bei der sozialen Frage versagten, und die Arbeiter aus der Kirche heraustrieben, so versagten sie heute im Tier- und Naturschutz und treiben die Tierschützer aus der Kirche heraus. Denn für Tierschutz hält sich die Kirche nicht für zuständig. Kirche sei für die Menschen da. Aber dieser Mensch ist doch gerade nach biblischer und kirchlicher Lehre ein Geschöpf Gottes inmitten anderer Geschöpfe Gottes. Er lebt als Geschöpf in der Schöpfung. Noch deutlicher: Er hat von Gott her das Amt, Haushalter und nicht Ausbeuter der göttlichen Schöpfung zu sein. Allmählich gewinnt die Kirche diese Einsicht zurück, wie das jüngst von beiden Kirchen herausgegebene Dokument "Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung" beweist.
 
Aber viel zu lange hat auch die Kirche statt vom Heil der Schöpfung nur vom Heil des Menschen gesprochen, und damit jene Grundeinstellung gefördert, die da sagt: Wir Menschen sind alles, alles andere ist nichts. Die gnadenlosen Folgen dieser Einstellung, die den Menschen zum höchsten Wesen übersteigert, die Natur aber zum frei disponiblen Objekt entwertet, bekommen wir immer deutlicher zu spüren. Die Ressourcen schwinden, die Böden versauern, die Gewässer verfaulen, die Lüfte verpesten, die Wälder sterben, die Wüsten wachsen, die Äcker und Tierbestände schrumpfen, nur die Menschheit wächst und wächst. Ein globaler ökologischer Kollaps ist nicht mehr nur Alptraum ängstlicher Gemüter, er ist möglich.
 
Weltuntergang, na und? In unzähligen Dokumenten betonen die Kirchen ihre "Friedensverantwortung", die allein auf den Menschen beschränkt bleibt. Auf dem Kriegsschauplatz Natur dagegen und in dem Verbrecherstück der industrialisierten Tierquälerei tritt die Kirche nicht einmal als Samariter auf. Da ist sie Priester und Levit. Da geht sie vorüber. Sie vergisst den Ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses, den Martin Luther mit den Worten erklärt hat: "Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen." Die hier noch gewahrte Ganzheit der Schöpfung ist kirchlich allenfalls Lippenbekenntnis. In der Ethik entspricht ihm jedenfalls nichts. Veruntreuung der Schöpfung aber ist heute jene Sünde wider den Heiligen Geist, die nach dem Markusevangelium (3.29) die unvergebbare heisst. Die Ehrfurcht vor allem Lebendigen, diese im Namen des dreieinigen Gottes ureigenste Domäne, überlassen die christlichen Kirchen den Natur- und Tierschützern, die sich dafür von den Regierenden als Weltverbesserer und Phantasten im grünen Mäntelchen verspotten lassen müssen. Von der Kirche dürften sie jedoch unter keinen Umständen so behandelt werden. Vielmehr müsste diese hier selbst Partei ergreifen, und der stärkste Anwalt der Ehrfurcht vor allem Lebendigen sein.
Dass man Franz von Assisi verehrt und Albert Schweitzer als Genie der Menschlichkeit feiert, genügt hier nicht!
 
Woher kommt diese Tiervergessenheit in der Kirche? Nun, es liegt daran, dass die Ethik, die theologische wie die philosophische, meint, sie habe es nur mit dem Verhalten des Menschen zum Menschen und zur Gesellschaft zu tun. Das von Albert Schweitzer gewählte Bild ist deutlich: "Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht herein komme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen." Was sie sich an Torheiten leisten, um die überlieferte Engherzigkeit aufrechtzuerhalten und auf ein Prinzip zu bringen, grenzt ans Unglaubliche. Entweder lassen sie das Mitgefühl gegen Tiere ganz weg oder sie sorgen dafür, dass es zu einem nichtssagenden Rest zusammenschrumpft.
Was wir heute erleben, ist ein mit dem Rechenstift ausgeklügeltes schreckliches Höllenspiel, in dem wir unsere Nutztiere in der Massentierhaltung zu Tiermaschinen herabstufen. Die Übermenge an Eiern, Fleisch und Butter, die die westlichen Wohlstandsgesellschaften auf diese Weise produzieren, ist mit menschenunwürdiger Tierquälerei bezahlt. Gegenüber dieser überall straflos praktizierten Ungeheuerlichkeit liest sich Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wie eine Botschaft von einem anderen Stern. Und eine Kirche, die zu dem allem schweigt, erklärt damit den Bankrott ihrer Barmherzigkeitspreidigt!
Dabei ist die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben biblisch. Die Bibel Alten und Neuen Testamentes ist voller Zeugnisse von Gottes Fürsorge für alle Geschöpfe. Weil das Gutsein zu den Tieren eine Selbstverständlichkeit ist, darum hat man das Zentrum des christlichen Glaubens, die Dahingabe des Lebens Jesu für die Sünden der Menschen, mit dem Bilde vom guten Hirten umschrieben:
"Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe."
 
Quelle: Arbeitskreis gegen Vivisektion Interlaken ******
Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen,
ohne jemandem den Bart zu versengen."
Georg Christoph Lichtenberg
"Für mich ist das Leben eines Schweins nicht weniger wertvoll als das Leben eines Menschen.
Und ich würde niemals um des menschlichen Körpers willen einem Schwein das Leben nehmen wollen.
Je hilfloser ein Lebewesen ist, desto größer ist sein Anspruch auf menschlichen Schutz vor menschlicher Grausamkeit."
 
Mahatma Gandhi (1869-1948;
Führer der ind. Selbständigkeitsbewegung, Nobelpreis 1913)
"Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter,
als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!"
Kurt Tucholsky
"Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi ...
Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka."
Isaac Bashevis Singer
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Auschwitz fängt da an, wo einer im Schlachthof steht und sagt,
es sind ja nur Tiere.
Auschwitz begins wherever someone looks at a slaughterhouse and thinks: they're only animals.
Theodor W. Adorno, jüd. Philosoph & Soziologe, dt. Herkunft, 1903-69
"Ich selbst war zu Beginn des Nazismus im Gefängnis, und der Reichsstatthalter von Baden erklärte: "Wankel bleibt darin, bis zum Verrecken und Verfaulen."
Deshalb halte ich es für eine scheinheilige Zweckbehauptung der Hühnerbatterie-Geschäftemacher, dass sich die früheren KZ-Gefangenen durch die Bezeichnung der Hühnerbatterie-Käfighaltung als KZ-Haltung beleidigt fühlen würden.
Ich bin überzeugt, dass jeder frühere KZ-Häftling beim Besichtigen einer Batteriehaltung Herrn Prof. Grzimek recht geben wird und erbittert gegen die Errichter, Ausnützer und Verteidiger dieses Tier-KZ Stellung nimmt."
Dr. Felix Wankel (Erfinder des Wankelmotors, in "Briefe von Dr. Felix Wankel und Martin Niemöller")
Ich entsinne mich, dass ich während eines Urlaubaufenthalts von 1967 im russischen Wald bei Cavidovo zum ersten Mal eine solche "Hühnerfabrik" gesehen und besucht habe und dass mein erster Eindruck - und er hat sich später nie geändert - der war: das muss für die armen Tiere ja schlimmer sein als was wir im Konzentrationslager die Jahre hindurch haben ausstehen müssen!
Pastor Martin Niemöller, in Broschüre VgtM "Briefe von Dr. Felix Wankel und Martin Niemöller"
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"Der Tod an sich ist nichts Furchtbares, nichts Höllenhaftes
- wohl aber ist dies die Todesangst und die physische Qual.
Dass bei der Tötung der Tiere diese beiden dem Opfer tunlichst zu ersparen seien, darüber ist doch kein gesitteter Mensch im Zweifel.
Meiner Überzeugung nach wird auch einst die Zeit kommen wo niemand sich wird mit Leichen nähren wollen, wo niemand mehr sich zum Schlächterhandwerk bereit finden wird.
Wie viele unter uns gibt es schon jetzt, die niemals Fleisch äßen, wenn sie selber das Messer in die Kehle der betreffenden Tiere stoßen müssten!"
Bertha von Suttner (1843-1914; Pazifistin; Friedensnobelpreis 1905)
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Schlimm ist es,
wenn Menschen
aus religiösen Gründen Tieren
den Hals bei lebendigem Leibe einige Male durchschneiden,
bis es nach 10 Minuten endlich stirbt.
Dieser grausame Vorgang
wird Schächten genannt.
Aus diesem Grunde hatte uns
unsere jüdische Mutter
vegetarisch ernährt,
um den Tieren nicht unnötig Leid zuzufügen.
Jakob Brem (Schweiz)
Bereits bei der Vorbereitung des Fesselns und des Werfens, vor allem aber beim Schächten selbst, erleidet das unbetäubte Tier Todesangst, unsägliche Leiden und Schmerzen. Ein schmerzempfindliches Wesen von diesen unnötigen Zumutungen zu verschonen, muss als ein höher einzustufendes Rechtsgut bewertet werden als irgend ein religiöses Konstrukt oder Ritual, dessen Sinn nicht oder nicht mehr nachzuvollziehen ist.
Samuel Dombrowski (Jude)
Es wäre endlich an der Zeit, das betäubungslose Schächten der Tiere als Unrecht sowie als würdeloses und beschämendes Fehlverhalten der Menschen zu erkennen, wie es mit dem Religionsgesetz des Zu-Tode-Steinigens, den Hexenverbrennungen, der Inquisition und der Sklaverei geschah.
Samuel Dombrowski (Jude) 

... kann man sich vorstellen, wie in bürokratisch organisierter Schichtarbeit hundertausenden bei vollem Bewusstsein die Kehle durchgeschnitten wird.
Der durchschnittene Kehlkopf und das in die Luftröhre einströmende Blut ermöglichen kein Schreien - lautlose Qualen, entsetzliche Todesangst.
Doch halt - dieses Massaker geht nicht auf das Konto von Nazischergen, sondern von Juden und Moslems; und die Opfer sind Kälber, Rinder und Schafe,
die ebenso leidensfähig sind wie wir Menschen.
Erwin Kessler, Schweizer Tierschützer; die Aussage wurde von einem Schweizer Gericht als "rassendiskriminierend" verurteilt 

Wer sich derart für primitivste Tierquälerei einsetzt, der verdient nach meiner Überzeugung tatsächlich nichts anderes als tiefe Verachtung. Ob diese Verachtung dann als Antisemitismus verschrien wird, interessiert mich mittlerweile nicht mehr. Wenn der Begriff "Antisemitismus" heute nur noch bedeutet, ein grausames, pervers-religiöses jüdisches Ritual abzulehnen, dann ist Antisemitismus nichts Negatives mehr, sondern eine gesunde Haltung der überwiegenden Mehrheit der nichtjüdischen Bevölkerung. Erwin Kessler, Schweizer Tierschützer; die Aussage wurde von einem Schweizer Gericht als "rassendiskriminierend" verurteilt
Das zu verfolgende Übel sieht dieser verluderte Rechtsstaat (die Schweiz) nicht darin, dass unter Umgehung des Tierschutzgesetzes jährlich hunderte von Tonnen jüdischen Schächtfleisches in die Schweiz importiert werden, wodurch ein bestialisches Massenverbrechen finanziert wird - nein, das interessiert Regierung und Justiz überhaupt nicht. Ins Gefängnis muss jener, der dieses Verbrechen öffentlich anprangert und versucht, diese tagtäglich weiter gehende Folterung wehrloser Geschöpfe ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, damit die Grenzen für solche Verbrecherprodukte endlich geschlossen werden. Erwin Kessler, Schweizer Tierschützer; in seinem Plädoyer vor Gericht
* Ein Massenverbrechen bleibt ein Verbrechen, auch wenn es mit Ideologien gerechtfertigt wird. Die Nazis hatten ihre Ideologie, den Arierwahn. Orthodoxe Juden und Moslems haben eine andere, ebenfalls bestialische Ideologie. Rechtfertigt diese den Schächtholocaust? Erwin Kessler, Schweizer Tierschützer, VgT-Nachrichten Nr. 6/1995
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Aus: Tierbefreiung Aktuell, Ausgabe 43, www.tierbefreiung.de
(eine andere Seite: http://www.mediazeit.de/tierdach/news_seite/email_news/sinawalden_vergleich.shtml )
 

Der verbotene Vergleich

 

Wo immer ein großes Unglück geschieht, eine Naturkatastrophe wie Erdbeben, Wirbelsturm, Feuersbrunst, oder ein schwerer Verkehrsunfall mit vielen Toten, der Einsturz eines Hochhauses, eine Explosion, ein Attentat - immer sagen einige Augenzeugen spontan: “Es war wie im Krieg.“ Eine natürliche Assoziation, der niemand widerspricht, der niemand besserwisserisch entgegenhält, dass der Krieg andere Ursachen hat als ein Erdbeben, dass der Krieg sich in hundert Aspekten von einem Zugunglück unterscheidet. Denn was die Leute meinen, ist sofort klar: Sie vergleichen das Schrecklichste, was ihnen einfällt, mit dem, was sie erlebt haben. Sie wählen ein Bild, das in jedem die Bilder oder das eigene Erleben von Krieg hervorruft, um das Entsetzen zu vermitteln, das sie fühlen. Der Vergleich ist eine Grundform menschlicher Kommunikation, eine Möglichkeit der Vermittlung von Gefühlen, Eindrücken, Erlebnissen, für die ein bloßer Bericht zu schwach erscheint.
Kein Mensch, der Schweres im Krieg erlebt hat, wird sich empören oder es als Beleidigung empfinden, wenn jemand, der seine Liebsten bei einem Massenunglück verloren hat, der Tote und Verstümmelte um sich gesehen, der die Schmerzens- und Todesschreie gehört hat, seine Gefühle, sein Erleben, mit Kriegserfahrungen gleichsetzt. Keiner würde auf die Idee kommen, dass damit die Schrecken des Krieges herabgemindert werden könnten oder gar sollten. Im Gegenteil, das Heraufbeschwören des Bildes “Krieg“ dient ihm dazu, sich in den anderen hineinzuversetzen. Ist diese Assoziation mit Krieg so anders zu werten als die oft ebenso naheliegenden Assoziationen mit einem anderen jedermann verständlichen Menschheitshorror, den Massenverbrechen des Nationalsozialismus? Und warum sollte in diesem Fall die Vergleichbarkeit mit Gründen bestritten werden, die nicht in dem vergleichbaren Ergebnis liegen - dem Massenmord, der Zufügung von Leiden und Schmerzen, der Ausgrenzung und Herabwürdigung - sondern in der Motivation der Täter? Fragt bei “Krieg“ jemand danach, aus welchen Gründen der bildhaft evozierte Krieg angezettelt und geführt wurde? Die Analyse von Kriegen und Diktaturen in historischen Zusammenhängen wird auf einer ganz anderen Ebene vorgenommen, von der Geschichtsschreibung und im politischen Diskurs. Hier sind freilich sorgfältige Untersuchungen von Fakten und Kausalitäten geboten, schon um der Relativierung von Schuld durch Ewig-Gestrige und Neu-Gestrige entgegenzuwirken.
 
Unsere Frage zielt darauf, warum die maßlosen Verbrechen, die Tieren angetan werden, nicht in einem Atem mit Verbrechen an Menschen genannt werden sollten, und insbesondere nicht mit dem Schrecklichsten, was uns als Kindern des 20. Jahrhunderts sofort in den Sinn kommt und den Namen Holocaust trägt? Warum muss das Entsetzen über die gegenwärtige Barbarei gegen Tiere und deren Duldung und Leugnung die Assoziation mit der vergangenen Barbarei, die unbestreitbar als solche erkannt wird, scheuen?
 

Nazivergleiche unter Menschen

 
Wenn in irgendeinem Zusammenhang der Vergleich mit Untaten der Nazis gewählt wird, fließen allerdings gewöhnlich Aspekte ihrer Motivation mit ein, man fasst ihn also gleichzeitig (zeitlich) enger und (inhaltlich) tiefer als “Krieg“. In dieser Form aber ist der Bezug allgegenwärtig. Umgangssprachlich wird wohl täglich irgendwo jemand als “Nazischwein“ beschimpft, werden “Nazimethoden“ angeprangert, vom “KZ Stammheim“ war ungestraft die Rede, vom “atomaren Holocaust“ in Hiroshima, vom “ökologischen Holocaust“ in unseren Tagen. Nazi-, Hitler -, bzw. “Faschismus“-Analogien werden auch in der seriösen Presse und in der Politik gebraucht, etwa in Bezug auf Milosevic, Saddam Hussein oder südamerikanische Juntas und ihre Opfer. Dabei ist nicht der Antisemitismus als Motiv gemeint - höchstens dann, wenn real auch heute wieder jüdische Menschen die Opfer sind - sondern er dient als Analogie, wenn menschenunwürdige Behandlung angeprangert werden soll, der ähnliche, zum Beispiel rassistische oder fremdenfeindliche, Einstellungen zugrunde liegen. 

Haben solche Einstellungen große Zahlen von Morden und Menschenopfern im Gefolge, was meist nur mithilfe staatlicher oder usurpierter Macht möglich ist, wird die Mordmaschinerie des NS-Staats nahezu zwangsläufig als Bezugsgröße assoziiert. Es ist gewiß zuzugeben, dass Nazi-Vergleiche inflationär in Umlauf sind, dass sie oft für allzu kleine Vorgänge benutzt werden, die an die Größenordnung und den Horror des Nazitums als Ganzes nicht entfernt heranreichen. Die Zeit dieses spezifischen Terrors bietet einen so riesigen Steinbruch, dass zu Recht oder zu Unrecht, viele die ihnen geeigneten Steine daraus brechen und das wohl noch auf unabsehbare Zeit tun werden. Doch so unproportional manche Vergleiche menschlicher Unbill mit Naziverbrechen oft auch sein mögen, so versteht man doch ihre Absicht, das jeweils angeprangerte Unrecht in die Nähe des Schlimmstmöglichen zu setzen. Es widerspricht der einfachsten Logik, dass der Vergleichende darauf abzielt, dieses Schlimmstmögliche als nicht so schlimm bezeichnen zu wollen, da er doch genau das Gegenteil ausdrückt. Nazivergleiche werden denn auch nicht der Opferseite verübelt, sondern nur dann als sträflich empfunden, wenn sich jemand dieserart mit den Tätern verglichen und seinen Ruf beschädigt sieht (oder jemand in seinem Namen) - eben weil man ihn mit dem schlechthin Teuflischen gleichsetzt. Warum aber sollten diejenigen, die die Opfer waren und überlebt haben oder deren Angehörige, sich verletzt fühlen? Allenfalls schütteln sie den Kopf und denken “Der weiß ja nicht, wovon er redet“. Ihr Leid wird dadurch nicht kleiner, wenn andere meinen, ebenso zu leiden oder wirklich ebenso leiden. In der Regel äußern sich überhaupt nur diejenigen, die als Sachwalter der Opfer und ihres Andenkens zu sprechen behaupten. Um Leiden und Tod systematisch verfolgter, gequälter, hingemordeter Menschengruppen in unserer Zeit sinnfällig zu bezeichnen, bieten sich die Erinnerungen an die Naziära so direkt an, dass sie ohne weiteres als Verständigungsmittel dienen. Eine reflexartige Empörung setzt erst da ein, wenn es sich bei den Opfern nicht um Menschen handelt, sondern um Tiere. Nur hier erfolgt ein Aufschrei, wenn Analogien zu KZ und Holocaust gebildet werden. Es geht also nicht um die Berechtigung der Assoziation mit den Schrecknissen dieser speziellen Epoche generell, sondern um die Vergleichbarkeit der Opfer. Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Entrüsteten der angeblich herabgesetzten Opfer bedienen, sie (bewusst oder unbewusst) instrumentalisieren, um - siehe oben - den Vergleich mit den Tätern und Mittätern, Mitläufern und Nutznießern, abzuwehren. Denn das heißt: mit uns selbst. Ein Aufschrei gegen den Satz von Isaac B. Singer: “Den Tieren gegenüber sind alle Menschen Nazis.“
 

Holocaust als Chiffre

 
Das deutsche Wort “Opfer“ unterscheidet nicht zwischen den zwei Bedeutungen, wie sie sich im Englischen und in den romanischen Sprachen deutlicher zeigen: sacrifice und victim. Wer immer den Begriff Holocaust als Synonym für den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas ins Spiel gebracht hat - in Deutschland ist er erst durch ein “spannendes“ amerikanisches Fernsehspiel in den 70er Jahren eingebürgert worden - hat nicht bedacht, dass dadurch der Akzent auf der Bedeutung “sacrifice“ liegt. Das griechische Wort Holocaust bedeutet gänzliche Verbrennung, “Ganzopfer“, ein religiöses Ritual, bei dem Brandopfer (von Tieren!) zur Ehre Gottes gebracht wurden. Das hat offensichtlich mit den Intentionen der Nazis wenig zu tun. Das Wort hat einen Bedeutungswandel erfahren, und wer heute von Holocaust spricht, meint die Opfer im Sinne von “victim“. Der Akzent liegt auf den unschuldigen Opfern von systematischem Massenmord, überwiegend eingeengt auf das Programm der Nazis zur Vernichtung der Juden, die aber selbst eher das Wort “Shoah“ benutzen. Denn bei Holocaust klingt mehr an, er umfasst auch nichtjüdische Opfer des Herrenmenschenwahns, besonders in den KZs, die Sinti und Roma, deren halbes Volk umgebracht wurde, und andere Volksgruppen, die zu “Untermenschen“ erklärt wurden, Homosexuelle, Behinderte, Geisteskranke. Holocaust ist eine Chiffre geworden. Ist es aber unmoralisch, mit diesem Schreckenswort Parallelen zu anderen systematischen Massenmorden in einem anderen historischen Umfeld zu ziehen? Das Wesen des Vergleichs beruht immer darauf, bei ähnlichen Dingen oder Vorgängen das Gemeinsame im Unterschiedlichen aufzuzeigen, und selbst wenn dabei ein Absolutes herauskommt (der Gepard ist das schnellste Landsäugetier, das Fest war das schönste, das ich je erlebt habe), so kommt man auch dazu nur, indem man eins gegen das andere hält. Ganz und gar Gleiches kann man nicht vergleichen. 

Industrielle Tötungsmaschinerien

 
Worin also besteht das Gemeinsame und das Unterschiedliche zwischen dem Holocaust und der heutigen Behandlung von Tieren, insbesondere von “Nutztieren“? Zuerst springen die phänomenologischen Ähnlichkeiten ins Auge. Wer sich nicht blind stellt, fühlt sich beim Anblick von langgestreckten, stacheldrahtbewehrten Baracken abseits bewohnter Siedlungen, von Hühnerbatterien, Rinderstallungen, Schweine- oder Putenmastbetrieben, Pelzfarmen, von schwer gesicherten Tierversuchsanstalten, von endlosen Reihen trostlos verzweifelter Affen wie bei COVANCE, unweigerlich an Konzentrationslager erinnert. Im englischsprachigen Raum gibt es für Massentierhaltung das offizielle Wort CAFO, Concentrated Animal Feeding Operation. Bei factory farms, Tierfabriken, Fließbandschlachtung, Akkordschlachtung zeigt sich eine weitere Parallele zu einem Charakteristikum der Menschen-KZs: die industrialisierte, rationalisierte, geschäftsmäßige Form der massenhaften Tötungen. Das “Vergasen“ ist die übliche Art der Tötung von Pelztieren und von Millionen männlicher Küken, die von den weiblichen “selektiert“ werden, da sie als “Arbeitskräfte“ (zum Eierlegen) nicht tauglich sind. Auf dem Gelände jeder größeren Tierversuchsanstalt ragt ein hoher Kamin in den Himmel, in dem die Ermordeten verbrannt werden, Rauch steigt auf.
 
Die Leichenberge sind selten sichtbar, werden der Öffentlichkeit zur Schonung ihrer Nerven nicht zugemutet. Aber jede/r weiß, dass es sie gibt, verdrängt es sofort, will es nicht wissen. Wenn Tierbefreier/innen oder Journalist/innen den Konsens des Nichtwissenwollens durchbrechen ( unter Gefahren) und Bilder der Tatsachen liefern, haben sie es schwer, auch noch den Schutzwall der Medien zu überwinden. “Mutig“ müssen Redaktionen sein, um “das Volk“ auch nur Sekunden einen Blick riskieren zu lassen. So wird die zivile Gesellschaft, die reale Grausamkeit “nicht sehen kann“, entlastet, kann sie minimalisieren, nicht richtig “glauben“, verdrängen, wegstecken. Auch die Vernichtungslager des “Dritten Reichs³ waren “geheime Reichssache“. “Das Volk“ wusste und wusste nicht. Hatte auch “andere Sorgen“.
 
Das wirksamste Mittel aber, der Verdrängung zuzuarbeiten, ist die ideologische Abwertung der Opfer. Christen hatten keine Gewissensprobleme, wenn “Heiden“ zu Millionen abgeschlachtet, jahrhundertelang “Hexen“ und “Ketzer“ (zum “Wohl“ der Rechtgläubigen) verbrannt wurden. Der Genozid an den Indianervölkern etwa konnte locker mit der behaupteten eigenen “geistigen“ Überlegenheit begründet werden. Kommunisten aller Länder rechtfertigten vor sich und der Welt die unermesslichen Menschenopfer des Stalinismus im Namen des “Fortschritts“, allein 2-3 Millionen ermorderter Bauern, der “Kulaken“, im Zuge der Zwangskollektivierung mit 10 Millionen Hungertoten als deren Folge, oder rund 12 Millionen Tote in den Arbeitslagern des Gulag; die bildungsstolzen weißen Europäer nahmen die institutionalisierten Grausamkeiten des Kolonialismus an Schwarzen und Farbigen, an den “Wilden“, kaum zur Kenntnis. 

Keine Metaphern, sondern Fakten

 
Sprechen wir von Zahlen. Die technischen und organisatorischen Errungenschaften des 20.Jahrhunderts ermöglichten eine hohe Effizienz der Niedertracht, eine Massierung und „Durchführung“ von Gräueln in relativ kurzer Zeit. Immerhin waren und sind Menschen auch mit weniger ausgereifter Technik schon zu eindrucksvollen Massakern fähig gewesen, die an Quantität nicht hinter denen der Nazis zurückstehen. Doch kommt es auf Zahlen an? Lassen sich individuelle Leiden summieren? Lassen sich Verbrechen aufrechnen? Trotzdem kann unser Gehirn nicht anders, als auch mit Zahlen zu operieren. Ein Serienmörder erschreckt uns mehr als ein Einmaltäter, sechs Millionen Ermordete lasten schwerer als ein niedergebranntes Dorf mit dreißig Toten. Wenn wir Zahlen ins Spiel bringen, kann allerdings der Vergleich mit den ermordeten Tieren nur noch Schwindel erregen. Nichts, was Menschen einander angetan haben, kommt auch nur in Bruchteilen von Bruchteilen an die Größenordnungen dessen heran, was wir Tieren antun. Es geht um Milliarden, Billiarden, um Hekatomben individueller Leiden und Tode, jahraus jahrein.
Und sprechen wir noch von einer weiteren Parallele: Ein besonders erschütternder Aspekt der Nazibarbarei ist ihr Auftreten mitten in einer sich auf dem Höchststand der Zivilisation, der Aufklärung, der Humanität, der Bildung, der Kultur wähnenden Gesellschaft. Da glauben wir uns heute auch.
 
Unabweisbar zeigt uns der Vergleich Vergleichbares: Konzentrationslager, industriellen, planvollen Massenmord, vorangegangene Deklassierung und Verachtung der Opfer, ihre Ausblendung aus dem Bewusstsein, ihre Rechtfertigung durch einen “höheren Zweck“, die Verschleierung und/oder Verdrängung der Grausamkeit, die Ungeheuerlichkeit der Zahlen. Dabei haben wir noch nicht einmal die Arten der Qualzufügung betrachtet. Das wollen wir uns hier auch ersparen. Wer auch nur fünf oder zehn Beschreibungen von Tierversuchen liest, fünf oder zehn Fotos oder Videos sieht, wer die Vorstellungskraft besitzt, sich in einen Affen mit angebohrtem Gehirn in einem stereotaktischen Stuhl hineinzuversetzen, in eine Katze mit zerschnittenem Auge, in eine zum stundenlangen Schwimmen gezwungene Maus, der man vorher die Hinterbeine gelähmt hat, in das von der Geburt bis zum Tod eingepferchte, wundgescheuerte Huhn, die lebenslang angebundene Kuh, in einer Gefängniszelle “so eng wie die Stehsärge von Oranienburg“, das im Metallkasten gefesselte Mutterschwein, dem man die Kinder raubt - nein, keine Vorstellungskraft reicht an die entfesselte Orgie der raffinierten Grausamkeit und uneingeschränkten Brutalität heran, die sich an Tieren austobt. Doch sogar im physischen Leiden und Sterben wahren wir eifersüchtig unsere dünkelhafte„Überlegenheit“.
 

Mein Leid ist größer als dein Leid

 
Dass Tiere physisch und psychisch leiden, wird heute von niemandem ernsthaft bestritten. Dass das Gegenteil jemals von “großen Geistern“ und ehrsamen Wissenschaftlern behauptet wurde, jahrhundertelang, wirkt geradezu wie ein Spuk. Wie aber kann man Leiden messen, wie vergleichbar machen? Die Überlegung, dass Tiere sogar mehr leiden als Menschen, ist nicht von der Hand zu weisen. Ihnen stehen einige Möglichkeiten der psychischen Entlastung nicht zur Verfügung, keine Hoffnung, kein Glaube an eine höhere ausgleichende Gerechtigkeit, kein geistiger Trost. Auch keine Rache, keine Notwehr, nicht einmal Selbstmord. Der Einwand, sie litten weniger, weil sie ihr eigenes Schicksal nicht in Zusammenhängen begreifen oder zum eigenen Leid nicht noch das Leid von Angehörigen oder Schicksalsgefährten summieren könnten, steht auf schwachen Füßen. Unser Wissen von der Wahrnehmungswelt von Tieren ist lächerlich gering. Doch das, was wir vom Leiden der Tiere fast mit bloßem Auge erkennen können, reicht wahrhaftig aus, um nicht auf kunstvolle Abwägungen warten zu müssen. Der große Unterschied zwischen dem Holocaust an Menschen und dem namenlosen Terror gegen Tiere soll nun aber in der Motivation liegen, in Ziel und Zweck. Nämlich: Juden, “Zigeuner“, “rassisch“ oder biologisch(!) “Minderwertige“ sollten ja vernichtet werden, einfach um sie zu vernichten, Tiere aber sollen - gegessen werden (bzw. in den Tierexperimenten der menschlichen Gesundheit dienen). Liegt hier aber wirklich ein wesentliches Unterschiedsmerkmal vor? Zum einen wurden die KZ-Opfer der Nazis vor ihrer Vernichtung noch, so lange es ging, auch als Arbeitskräfte ausgebeutet, ihr persönlicher Besitz wurde geraubt bis zu ihren Körperteilen wie Haare und Goldzähne. Zum anderen werden Tiere auch ohne Umwege vernichtet, etwa die Hälfte aller Hühner (die männlichen) routinemäßig gleich nach der Geburt, die Unbrauchbaren, wie die BSE-Rinder samt Millionen gesunder Artgenossen auf Scheiterhaufen zu Asche verkohlt; in unseren Tagen wurden gerade mehr als 60 Millionen grippekranke und gesunde Hühner und andere Vögel in Säcke gestopft und lebendig begraben oder verbrannt. In den permanent laufenden Tötungsmaschinerien fällt täglich “Abfall“ an, alle, die noch vor jeder Nutzung unter den Haltungsbedingungen vorzeitig zusammenbrechen und “entsorgt“ werden, dazu Überzählige, Fehlzuchten, Ungebärdige, Geflohene. Ein erweiterter Horizont lässt den Blick noch weiter gleiten: auf die Ausrottung ganzer Tiervölker wegen ihrer Unbrauchbarkeit für die Herrenrasse oder als lästige Konkurrenten für das Menschen-„Volk ohne Raum“, das ihnen ihre Lebensgrundlagen stiehlt.
 

Zweckrationalisierung

 
Das entscheidende Moment aber, warum die Betonung des Zwecks so falsch und unsinnig ist, liegt darin, dass die Perspektive der Täterseite und nicht die der Opfer eingenommen wird. Irgendein “Zweck“ dient jedem mit “höheren Werten“ begründeten Massenmord als Rechtfertigung. Für die Opfer ist es völlig gleichgültig, warum sie vernichtet werden, ob das Interesse ihrer Mörder an ihrem Tod von deren Geschmacksnerven oder dem Rassenwahn in ihren Köpfen herrührt. Doch auch wenn wir die Ähnlichkeiten der Motivlage betrachten, entdecken wir Gemeinsames. Zu den konstitutiven Bestandteilen der Naziideologie gehört der Überlegenheitswahn über andere, über “Minderwertige“ nach eigener Definition der zur Herrschaft Gelangten, über “lebensunwertes Leben“. Dazu gehört das “Recht des Stärkeren“ als angebliches Naturgesetz, die propagierte Mitleidlosigkeit gegenüber den “Minderwertigen“ und Unterlegenen, die Anmaßung, “mit Recht“ den Wert fremden Lebens zu bestimmen, es auszulöschen oder grenzenlos auszubeuten. Die strukturelle Ähnlichkeit mit der allgemeinen Einstellung zu Tieren liegt auf der Hand. Sie hier zu erkennen und mit allen Folgen zu akzeptieren, erfordert allerdings eine gewaltige geistige und seelische Anstrengung, die von der Mehrheit nicht über Nacht zu erwarten ist. Kein Überlegenheitswahn ist so uralt und so tief verwurzelt wie der der ganzen Menschheit über die ganze Tierwelt. Seit Menschengedenken hat mensch die Tiere als das “ganz Andere“ und das weit unter ihm Stehende definiert und behandelt. 

Hunderte von Abgrenzungskriterien wurden von den Kulturen und Religionen betont oder erfunden, unter den Riesengebäuden der Selbstbespiegelung verschwanden die Gemeinsamkeiten bis zur Unsichtbarkeit. Erst seit Darwin begannen die selbsterrichteten Throne Risse zu bekommen, und die moderne Wissenschaft, insbesondere die Verhaltensforschung, entzog Stück für Stück die Fundamente, auf denen sie ruhen. Wer wissen will, weiß heute, dass Tiere, ganz ohne Zweifel mindestens Säugetiere und Vögel, sehr ähnliche, weitgehend identische, physiologische und diesen entsprechende sinnliche und emotionale Strukturen haben wie die Spezies Mensch, und dass auch ihr kognitiver Apparat prinzipiell den gleichen Mustern folgt. (Unfreiwilligerweise hat auch die Versuchstierforschung ihr Teil zu diesen Erkenntnissen beigetragen, es sei nur auf die Versuche auf dem Feld der Psychologie hingewiesen.) Die vor- und außerwissenschaftlichen Einsichten in die enge Verwandtschaft, die vergleichbare Erlebniswelt, sind bei Menschen, die sich nicht völlig von der Idolisierung der eigenen Art einnebeln ließen, auch immer schon da gewesen, hatten gegenüber dem herrschenden Menschenbild nur nie eine Chance. Erst die Denkrichtungen der auf Recht, Freiheit und Gleichheit gerichteten geistigen und politischen Konzepte entwickelten eine Eigendynamik, deren Logik nun auch die verachteten Tiere erreicht hat. Da als einziger Unterschied nur die geringere oder genauer gesagt: anders geartete, Intelligenz der Tiere übrig bleibt, stellt die Logik die Frage, ob geringere oder andersartige Intelligenz einen Grund, eine Legitimation, für Grausamkeit, Folter, Tötung, Versklavung, schwere Freiheitsberaubung oder sonst ein Verbrechen darstellt - und beantwortet sie mit Nein.
 

Aufklärung durch Schock?

 
Bisher ist es eine sehr kleine, aber stetig wachsende Minderheit, die die Tiere von der unmenschlichen (!) totalitären Diktatur des Menschen befreien will. Eine ungeduldige unhomogene Bewegung, die nicht die Augen vor den Auswirkungen der Tyrannis verschließt und die sich die Perspektive der Opfer zu eigen macht. Für sie ist die Vergleichbarkeit des kreatürlichen Leids selbstverständlich und das Kardinalargument der Leugner “Tiere sind keine Menschen“ nichts als ein Schlagwort aus dem Arsenal der Herrenmenschenmentalität. Und eben hier stößt die bis heute herrschende Moral, die die Tiere ausklammert, mit dem neuen Denkansatz zusammen, der von der Tierrechts - und Tierbefreiungbewegung entwickelt wird und der eine artübergreifende Ethik fordert, die die Tiere einschließt. Es ist zu begreifen, dass eine derart umfassende Erweiterung des moralischen Anspruchs die “normal“ geprägten Zeitgenossen zunächst vor den Kopf stößt und es noch lange tun wird. Zumal keine Tyrannei jemals so viele Vorteile für die Privilegierten gebracht hat, nämlich irgendeinen für nahezu jedes Mitglied der menschlichen Rasse, und seien es nur Schuhe. Vor allem aber das schmeichelnde Bewusstsein, einer höheren Lebensform anzugehören. Die Abwehrmechanismen werden entsprechend in Stellung gebracht.
 
Wie aber kann diese Minderheit einer derart archaischen, von klein auf verinnerlichten, von ausnahmslos allen Institutionen geschützten Diktatur beikommen? Wie durchbricht man die alles niederwalzende Macht der Gewohnheit? Viele Wege werden gegangen. Nur einer davon ist die Schockmethode, die harte Konfrontation mit den Gräueln der grenzenlosen Ausbeutung der Tiere durch Visualisierung, der Versuch, die Opfer aus der Schattenwelt ihres Leidens herauszuholen und den Mitschuldigen und Gleichgültigen so zu präsentieren, dass sie nicht ausweichen können. So, wie die Deutschen nach dem Krieg zwangsweise in KZs geführt wurden. Vielleicht trifft der verstörende Vergleich mit der eigenen Geschichte, einer Geschichte von Menschen gegen Menschen, mit der gegenwärtigen von Menschen gegen Tiere trotz aller Abwehr manche mitten ins Herz - vielleicht sogar ins Hirn. Vielleicht verstehen sie die Botschaft: Wie könnt ihr euch vor dem einen als furchtbare Ausnahmeerscheinung entsetzen und das andere als Normalität hinnehmen? Wer aber sinnwidrig in der grellen Beleuchtung des sonst abgedunkelten Tierleids eine Verachtung der gequälten Menschen erblicken will, der demonstriert genau damit, was ihm spiegelbildlich vorgehalten wird: seine Verachtung der Tiere.
 
Zitat aus „Das Leben der Tiere“ von J.M. Coetzee, Literaturnobelpreisträger 2003
“Ich will es deutlich sagen: Rings um uns herrscht ein System der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens, das sich mit allem messen kann, wozu das Dritte Reich fähig war, ja es noch in den Schatten stellt, weil unser System kein Ende kennt, sich selbst regeneriert, unaufhörlich Kaninchen, Ratten, Geflügel, Vieh für das Messer des Schlächters auf die Welt bringt.“
Opfer sprechen oft ganz anders:
“Ich entsinne mich, dass ich während eines Urlaubsaufenthalts von 1967 im russischen Wald bei Cavidovo zum ersten Mal eine solche 'Hühnerfabrik' gesehen und besucht habe und dass mein erster Eindruck - und er hat sich später nie geändert - der war: das muss für die armen Tiere ja schlimmer sein als was wir im Konzentrationslager die Jahre hindurch haben ausstehen müssen."
Martin Niemöller, Kirchenpräsident, von 1938-1945 in verschiedenen KZs.
Sina Walden
freie Autorin, Juristin, Übersetzerin lebt in München und Italien
München 15.03.2004
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Holocaust on your plate - "Der Holocaust auf Ihrem Teller"
... ist umstritten und polarisiert wie kaum eine andere Tierschutzkampagne zuvor
 ("Holocaust"-Seite bei tierdach)

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Gruß Hubert