. Ansprache Bundespräsident Gauck auf dem Katholikentag
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Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
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MANNHEIM. (hpd/sb) Bundespräsident Gauck wünscht sich mehr Christen in der Politik, die sind in der Politik aber bereits überrepräsentiert.
Der gesellschaftliche Fortschritt der letzten fünf Jahrzehnte ist durch
eine “Entchristlichung” des Rechts geprägt. Der Bundespräsident sollte
lieber Konfessionslose zu mehr politischem Engagement ermuntern.
Der ehemalige Pastor und jetzige Bundespräsident Hans-Joachim Gauck
wünscht sich offenbar noch mehr Christen in der Politik. Der
evangelische Pressedienst epd meldet: „Bundespräsident Joachim Gauck hat die Bedeutung des christlichen Glaubens für die deutsche Gesellschaft hervorgehoben. Er
sei der Auffassung, dass Deutschland seine Stärke und seinen Wohlstand
auch daher habe, dass der christliche Glaube immer wieder politisches
Handeln provoziert habe, sagte Gauck bei einem Empfang für die
Organisatoren des Mannheimer Katholikentages, der am Sonntag zu Ende
ging. Das Engagement aus dem Glauben spiele eine wichtige Rolle. […] Der
Bundespräsident forderte die Christen zu verstärktem politischen
Engagement auf.“
Zwar wählte Gauck in seiner Ansprache
weniger angreifbare Formulierungen, aber der evangelische Pressedienst
dürfte die Intention des Bundespräsidenten doch recht gut wiedergegeben
haben.
Auch der Saarländische Rundfunk
meldete: „Mannheim: Gauck ruft Christen zu politischem Engagement auf.
Zum Abschluss der Deutschen Katholikentages hat Bundespräsident Gauck
die Christen aufgerufen, sich stärker in der Politik zu engagieren.“
WELT ONLINE schreibt: „An die Christen appellierte [Gauck], sich stärker in der Politik zu engagieren.“
BILD meldet sogar: Gauck
will mehr Christen in der Politik. (Mittlerweile wurde die Überschrift
offenbar geändert, sie ist in der URL allerdings immer noch zu
erkennen.) BILD schreibt: [Gauck] wünscht sich mehr Christen in der
Politik: „Denn die Politik braucht Menschen, die an eine Sache glauben,
die größer ist als sie selbst. Sie braucht Menschen, die eine Haltung
haben und dafür mutig eintreten. Sie braucht jene überzeugten und
deshalb überzeugenden Persönlichkeiten, wie sie oft und zu unserem Wohl
aus kirchlicher Heimat und aus christlichem Engagement gekommen sind.“
Man fragt sich allerdings, wieGauck, der ja immerhin Präsident aller Deutschen
sein soll (und das sind neben rund einem Drittel Protestanten und einem
Drittel Katholiken eben auch ein Drittel Konfessionslose), diesen
Wunsch begründen will?
Christen sind bereits überrepräsentiert
Zum einen scheint es, dass Christen in der Politik ohnehin
bereits überrepräsentiert sind. Dies zeigt sich besonders in den neuen
Bundesländern, wo zwar nur etwa 25 % der Bevölkerung einer christlichen
Kirche angehören, aber alle Ministerpräsidenten Christen sind – darunter sogar eine Theologin.
Im Bundestag geben 29 % der Abgeordneten als Konfession
„evangelisch“ an und 30 % „katholisch“. Damit sind die Christen im
deutschen Parlament mindestens so stark vertreten, wie es ihrem Anteil
an der Bevölkerung entspricht. (Höchstwahrscheinlich sind sie sogar
überrepräsentiert, da gut ein Drittel der Abgeordneten keine Angabe zur
Konfession macht.) Die größte Regierungspartei trägt ein „C“ im Namen und stellt die Kanzlerin. Und der Bundespräsident ist ein ehemaliger Pastor.
Während m.W. alle im Bundestag vertretenen Parteien
christliche Arbeitskreise haben, existiert nur bei den Linken eine
Arbeitsgemeinschaft „Laizismus“. In der SPD wurde die Gründung einer
offiziellen laizistischen Arbeitsgruppe schlichtweg verboten.
Es kann also keine Rede davon sein, dass Christen zu wenig Einfluss in der Politik hätten.
Gesellschaftlicher Fortschritt ist durch „Entchristlichung“ geprägt
Zum anderen ist aber auch die Idee, die hinter Gaucks Wunsch steckt,
begründungswürdig: nämlich dass die Betätigung von Christen die
Gesellschaft und das Recht vor allem positiv voranbringen würden.
Gauck scheint hier „Kleinigkeiten“ auszublenden wie den Umstand, dass deutsche Soldaten in zwei Weltkriegen mit der Aufschrift „Gott mit uns“ über andere Länder hergefallen sind. Die katholische Zentrumspartei hat durch ihre eigene Auflösung die Machtübernahme der Nationalsozialisten erst ermöglicht.
Sind deshalb alle Christen faschistische Kriegstreiber?
Natürlich nicht. Aber genauso wenig kann sich Gauck angesichts dieser
Punkte einfach nur das Positive herausgreifen.
Überhaupt lässt sich ganz klar feststellen, dass das deutsche Recht seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ganz klar von spezifisch christlichen Komponenten bereinigt
wurde, was allgemein als Fortschritt angesehen wird: Aufhebung des
Verbots der Homosexualität und des Kuppelparagrafen, die Gleichstellung
von Frauen und unehelichen Kindern, oder die Einführung der
eingetragenen Lebenspartnerschaft für Homosexuelle.
Gleichzeitig wurden mehrere allzu kirchenfreundliche
Praktiken durch das Bundesverfassungsgericht verboten, z.B.
Kirchensteuer für Unternehmen, die Besteuerung von
Nicht-Kirchenmitgliedern (Ehepartnern) oder das Aufhängen von Kruzifixen
in Klassenräumen ohne Widerspruchsmöglichkeit.
Der gesellschaftliche Fortschritt der letzten fünf Jahrzehnte ist
meines Erachtens ganz klar durch eine „Entchristlichung“ des Rechts
geprägt.
Was zugenommen hat, ist sind kirchliche Privilegien
Was allerdings tatsächlich zugenommen hat, ist die Kirchenfreundlichkeit der Gesetze.
Mit dem Recht auf eigene Kirchensteuern und Religionsunterricht war das
Grundgesetz ohnehin schon ausgesprochen kirchenfreundlich. Zwar sollen
die Staatsleistungen an die Kirchen dem Grundgesetz zufolge abgelöst
werden, in vielen Länderverfassungen werden sie aber tatsächlich
festgeschrieben, und in den entsprechenden Staat-Kirche-Verträgen ist
auch noch festgelegt, dass die Zahlungen des Staates an die Kirchen
immer weiter steigen.
Bereits unter den
Nationalsozialisten wurde der Einzug der Kirchensteuer den Arbeitgebern
übertragen, was einen klaren Verfassungsverstoß darstellt. („Niemand ist
verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren.“) Leider nicht
klar genug für das Bundesverfassungsgericht – aber da dürften ja
wiederum auch überwiegend Christen sitzen.
Aus der Vorgabe des
Grundgesetzes, dass Gottesdienst und Seelsorge beim Heer „zuzulassen“
sind, wurde eine institutionalisierte Militärseelsorge für die
evangelische und die katholische Kirche, mit verbeamteten und staatlich
bezahlten Militärpfarrern, für 30 Millionen Euro pro Jahr.
Selbst das von Gauck in seiner Rede positiv hervorgehobene
„Subsidiaritätsprinzip“ der „christlichen Soziallehre“ dürfte wohl in
erster Linie den Kirchen nutzen, nicht den Menschen. Carsten Frerkschreibt
dazu in seinem „Violettbuch Kirchenfinanzen“ (S. 219): „Dieses
‚Subsidiaritätsprinzip‘ wurde insbesondere von der organisierten
katholischen ‚Nächstenliebe‘ (Caritas) und der evangelischen
‚Brüderlichkeit‘ (Diakonie) genutzt, um zum größten privaten
Arbeitgeberverbund in Europa aufzusteigen.“
Caritas und Diakonie sind die
Arbeitgeber von rd. 1 Million hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern, denen ganz legal elementare Arbeitnehmerrechte
vorenthalten werden und die z.B. wegen eines Kirchenaustritts oder
unehelichem Zusammenleben entlassen werden dürfen. Auch in Einrichtungen
wie Krankenhäusern, deren Zweck überhaupt nicht religiös ist und die
komplett öffentlich finanziert werden.
Religiöse Voreingenommenheit
Es ist bezeichnend, dass selbst das vom Bundespräsidenten selbst
gewählte Beispiel für den christlichen Einfluss auf die Politik einen so
gravierenden „Pferdefuß“ aufweist. Über die Vorteile schweigt sich Gauck übrigens aus,
er empfindet es offenbar bereits als positiv, dass überhaupt die
katholische Soziallehre „viele der politischen Grundentscheidungen und
politischen Institutionen der Bundesrepublik entscheidend beeinflusst“
hat.
Nur: Wenn Gauck sein Urteil an der Christlichkeit des Einflusses festmacht und nicht an konkreten positiven Ergebnissen,dann
erweckt er den Eindruck einer religiösen Voreingenommenheit, die man
zwar von einem Pfarrer erwarten kann, aber eben nicht von einem
Bundespräsidenten.
Wenn christliche Politiker mit Kirchenvertretern „verhandeln“ …
Die extreme Privilegierung der beiden großen christlichen Kirchen kann natürlich nicht verwundern. Denn
was sonst soll dabei herauskommen, wenn über Jahrzehnte hinweg
christliche Politiker mit Kirchenvertretern über das deutsche
Staatskirchenrecht verhandeln? Immer wieder wird vor den Gefahren einer
„Unterwanderung“ der Gesellschaft z.B. durch Scientology gewarnt. Die
oben beschriebenen Punkte zeigen: In der Praxis lässt sich wohl eher von
einer „christlichen Unterwanderung“ sprechen, die mittlerweile offenbar
das Amt des Bundespräsidenten erreicht hat.
Gauck sollte Konfessionslose ermuntern
Der Bundespräsident sorgt sich um den religiös-weltanschaulichen
Einfluss in der Politik? Dann sollte er sich mal über Folgendes Gedanken
machen: Wie oben bereits erwähnt, geben 29 % der Bundestagsabgeordneten als Konfession „evangelisch“ an und 30 % „katholisch“. Das entspricht ziemlich exakt ihrem Anteil an der Bevölkerung.
Allerdings geben sich nur knapp 5 % der Abgeordneten als Atheist
oder konfessionsfrei zu erkennen, obwohl sie die „größte Konfession“
stellen: nämlich ein Drittel der Bevölkerung. 36 % der Bundestagsabgeordneten machten keine Angabe zur Konfession. Wenn
darin ein nennenswerter Anteil von Christen enthalten ist (die z.B. der
Auffassung sind, dass die religiöse Überzeugung Privatsache ist), dann
wären die Christen im Bundestag über- und die Konfessionslosen
unterrepräsentiert. In diesem Fall sollte der Bundespräsident lieber die
Konfessionslosen zu mehr politischem Engagement aufrufen.
Oder aber, bei den Abgeordneten, die keine Angabe gemacht haben,
handelt es sich im Wesentlichen um Konfessionslose und Atheisten. Dann
sollte sich der Bundespräsident die Frage stellen, weshalb christliche
Politiker ihre Konfession alle angeben und Konfessionslose und Atheisten
es offenbar vorziehen, ihre weltanschauliche Überzeugung nicht
preiszugeben.
Auch dies würde auf einen
unangemessen großen christlichen Einfluss auf die Politik hinweisen –
und zwar auf einen sehr unschönen.
Ich habe Bundespräsident Gauck eine sachliche E-Mail mit meiner
Kritik geschickt und angeregt: Am kommenden Wochenende ist übrigens eine
internationale Atheistentagung in Köln.
Es würde sich m.E. anbieten, hier – schon als „Ausgleich“ für seine
obigen Ausführungen – ein Grußwort zu schicken, in dem auch
Konfessionsfreie dazu ermuntert werden, sich politisch zu betätigen.
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